Geschichte
Entstehung der Säule
Der heutige Kirchplatz war bis 1853 der Friedhof des Kirchspiels. In seiner Mitte wurde 1883 anlässlich des 400. Geburtstags Martin Luthers eine Eiche gepflanzt. Solche „Luthereichen“ entstanden 1883 an vielen evangelisch geprägten Orten Deutschlands.
Die Dornholzhäuser Eiche prägte lange das Ortsbild. Wegen eines Pilzbefalls im Wurzelbereich starb die Krone weitgehend ab; 2004 musste der Baum gefällt werden. Ein Teil des Stammes blieb bewusst stehen. Kirchen- und Ortsgemeinde entschieden anschließend, daraus ein Denkmal mit Stationen aus Luthers Leben zu schaffen.
Der Bettendorfer Kettensägenkünstler Arne Wilhelm arbeitete etwa drei Monate daran. Am Erntedankfest, dem 2. Oktober 2005, wurde die Skulptur im Rahmen eines Gedenkgottesdienstes öffentlich übergeben. Sie steht auf dem Kirchplatz, unmittelbar neben der alten Pfarrkirche in Dornholzhausen – dort, wo bis 1853 der Friedhof lag und 1883 die Luthereiche gepflanzt wurde.
Zur Quellenlage: Auf einer älteren Gemeindeseite steht an einer Stelle „400. Todestag“ – das ist ein redaktioneller Fehler. Luther wurde 1483 geboren und starb 1546; 1883 war sein 400. Geburtstag. Die Kirchenchronik nennt es korrekt.
Rundgang
Rundgang um die Säule
Die Schnitzereien ergeben vier große thematische Seiten, die durch kleinere Szenen und eine umlaufende Architektur verbunden werden.
Luther als Augustinermönch
Junger Luther mit Kapuze und Mönchsgewand; die teilweise lesbare Beschriftung verweist auf Erfurt und 1505.
Luther trat 1505 in das Erfurter Augustinerkloster ein. Die Mönchszeit steht für seine Suche nach einem gnädigen Gott und seine intensive Beschäftigung mit der Bibel.
Schlosskirchentür
Gotisches Doppelportal mit einem hellen Schriftblatt; am unteren Rand ist sinngemäß „Anschlag 95 Thesen gegen den Ablass“ zu lesen.
Die Tür symbolisiert die Veröffentlichung der 95 Thesen am 31. Oktober 1517 und Luthers Kritik am Ablasshandel. Ob er die Thesen tatsächlich an die Tür nagelte, ist historisch umstritten; gesichert ist ihre Veröffentlichung. Die Säule verwendet bewusst das bekannte Erinnerungsbild.
Luther als Professor
Großes Porträt mit Gelehrtenbarett; gut lesbar: „Professor Doktor der Theologie Martin Luther 1512“.
Luther wurde 1512 zum Doktor der Theologie promoviert und Professor für Bibelauslegung in Wittenberg. Damit wird er nicht nur als Kirchenrebell, sondern als Bibelwissenschaftler gezeigt.
Reichstag zu Worms
Luther steht vor einem Pult mit geöffnetem Schriftstück und weist mit der Hand auf die Versammlung; die Beschriftung lässt sich als „Reichstag zu Worms 1521“ lesen.
Am 18. April 1521 verweigerte Luther den Widerruf seiner Schriften, solange er nicht durch Bibelzeugnisse und Vernunftgründe widerlegt werde. Das Motiv steht für Gewissensbindung und Standhaftigkeit. Das berühmte „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ gibt den Sinn wieder, ist aber wahrscheinlich nicht wörtlich so gefallen.
Luther im Arbeitszimmer
Schreibender Luther in einer Innenraumszene; gut lesbar: „Übersetzung Neues Testament auf der Wartburg“.
Auf der Wartburg übersetzte Luther 1521/22 das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche. Das „Septembertestament“ erschien 1522. Die Übersetzung machte den Bibeltext breiter zugänglich und prägte die deutsche Schriftsprache.
Luther als „Junker Jörg“
Großes Porträt mit langen Haaren und Vollbart; Inschrift sinngemäß „Martin Luther als Junker Jörg auf der Wartburg 1521“.
Nach dem Wormser Reichstag war Luther geächtet. Friedrich der Weise ließ ihn zu seinem Schutz auf die Wartburg bringen. Dort lebte er vom 4. Mai 1521 bis 1. März 1522 verkleidet als Junker Jörg.
Gekreuzigter Christus
Christus am Kreuz mit der Tafel „INRI“.
INRI bedeutet „Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum“ – „Jesus von Nazareth, König der Juden“. Das Kreuz bildet das theologische Zentrum: Nicht Luther selbst, sondern Christus und der Glaube an den Gekreuzigten stehen im Mittelpunkt.
Helle Formen am Kreuz
Silberweiß hervorgehobene, unregelmäßige Formen seitlich und unterhalb des Kreuzes.
Sie wirken wie Felsen beziehungsweise Tuch- oder Schriftformen. Eine eindeutige Beschriftung oder dokumentierte Erklärung ist dafür nicht bekannt; eine genauere Deutung wäre derzeit Spekulation.
Architektur am oberen Abschluss
Umlaufende Burg- und Stadtarchitektur mit Mauern, Türmen, Kirche, Kreuz und Fachwerk.
Sehr wahrscheinlich werden die zentralen Lutherorte Wartburg und Wittenberg verbunden: Die massiven Burgmauern gehören ikonografisch zur Wartburg, Kirche und städtische Gebäude zu Wittenberg. Eine exakte Zuordnung jedes einzelnen Gebäudes ist nicht veröffentlicht.
Eichenblätter und Äste
Grün gefasste Blätter verteilen sich über die gesamte Säule.
Sie erinnern unmittelbar an den ursprünglichen Baum und verbinden die einzelnen historischen Szenen wie ein lebendiges Band.
Baumrinde und Wurzelfuß
Der untere Teil bleibt bewusst als aufgerissener Baumstamm erkennbar.
Der Baum wurde nicht einfach zum austauschbaren Denkmalmaterial. Seine Identität als ehemalige Luthereiche sollte sichtbar erhalten bleiben.
„AW“-Zeichen
Schwarzes, kantiges Monogramm am unteren Stamm.
Sehr wahrscheinlich die Signatur des Künstlers Arne Wilhelm.
Symbol
Die Lutherrose
Die große farbige Rose auf der Vorderseite war Luthers persönliches Siegel und wurde später zum Symbol der lutherischen Kirchen. Ihre Auslegung stammt von Luther selbst, aus einem Brief von 1530:
- Das schwarze Kreuz im roten Herz erinnert daran, dass der Glaube an den gekreuzigten Christus rettet.
- Das Herz bleibt rot und lebendig: Das Kreuz soll den Menschen nicht vernichten, sondern zum Leben führen.
- Die weiße Rose steht für Freude, Trost und Frieden des Glaubens.
- Das himmelblaue Feld verweist auf die zukünftige himmlische Freude.
- Der goldene Ring bedeutet Ewigkeit und die Kostbarkeit dieser Seligkeit.
Kirchspiel
Die drei Ortswappen
Unter der Lutherrose erscheinen die Wappen von Dornholzhausen, Geisig und Dessighofen – nicht bloß als Nachbarorte: Alle drei gehörten zum Kirchspiel Dornholzhausen.
Dornholzhausen
In Gold ein bewurzelter grüner Laubbaum, begleitet von vier roten Weizenähren.
Baum und Ähren verweisen naheliegend auf Wald, Landwirtschaft und die Verwurzelung des Ortes. Das Wappen wird seit 1991 geführt.
Geisig
Schwarzes Fachwerk-Giebelhaus über blauem Wellenschildfuß und silbernem Mühlrad; daneben Lindenast und Ähre.
Der Wellenschildfuß lässt sich auf den Hombach beziehen, das Mühlrad auf die frühere Mühlengeschichte, die Ähre auf die Landwirtschaft.
Dessighofen
Springendes schwarzes Pferd über grünem Eichenzweig mit zwei roten Eicheln auf goldenem Grund.
Eiche und Pferd verbinden Wald- und Kulturlandschaft. Die genaue amtliche Bedeutung der Einzelmotive ist nicht erläutert; die Darstellung selbst ist offiziell bestätigt.
Idee
Das Gesamtkonzept
Die Säule besitzt drei miteinander verschränkte Bedeutungsebenen:
- Luthers Lebensweg: Mönch – Professor – Thesen und Ablassstreit – Wormser Reichstag – Wartburg und Bibelübersetzung.
- Luthers Theologie: Kreuz, Bibel, Lutherrose, Gewissen und die Konzentration auf Christus.
- Lokale Erinnerung: Das Holz der 1883 gepflanzten Eiche, die Ortswappen des Kirchspiels und die direkte Nachbarschaft zur alten Pfarrkirche.
Dadurch ist die Skulptur zugleich Biografie, Glaubensdenkmal und Ortschronik. Besonders schön ist der Gedanke, den erkrankten Baum nicht einfach zu entfernen, sondern ihm eine zweite Gestalt zu geben: Aus dem Gedenkbaum von 1883 wurde 2005 ein erzählendes Denkmal.
Angaben nach Ortsgemeinde Dornholzhausen, Kirchenchronik und Touristik Bad Ems-Nassau; die Auslegung der Lutherrose nach Luther (Brief von 1530) bzw. der Evangelischen Kirche in Deutschland.