Dornholzhausen

Das Forsthaus

Beim Bau des Hauses findet ein Junge die Hälfte am Wall. Jahrzehnte später schließt sich der Kreis im Garten.

Illustration des Forsthauses am Waldrand in den 1950er Jahren

Und nun, endlich, der Teil, in dem ich aufhöre, „meine Hälfte" zu sagen, und wieder „ich" sagen darf. Es hat, wenn ich richtig gezählt habe, achtzehnhundert Jahre gedauert. Ihr müsst mir nachsehen, dass ich es langsam angehe. Man kommt nicht jeden Tag nach Hause.

Der Mann, der die eine Hälfte von mir aus dem Schutt des gefallenen Reiters am Zusammenfluss gehoben hatte, ging nach Osten, in die Höhen, und er ging lange. Der Krieg war zu Ende, aber Kriege sind nie da zu Ende, wo sie aufhören; sie hören in den Menschen erst viel später auf, und in manchen nie. Er kam in den Einrich zurück, in eine Gegend, die von all dem großen Unheil erstaunlich wenig abbekommen hatte — zu klein, zu abseits, zu unwichtig, um sich zu lohnen. Ihr erinnert euch: Was man nicht will, das überlebt. Es gilt für Steine. Es gilt auch für Dörfer, die auf keiner großen Karte stehen.

Ganz verschont blieb es nicht. Als die Front im März über die Höhen kam, saß — so erzählte man es sich, so schrieb es der Dorflehrer nieder — ein feindlicher Beobachter im Kirchturm und funkte seine Zahlen, bis die deutsche Acht-acht von Singhofen herüberhielt und dem Turm drei Treffer versetzte. Es gab ein kurzes, wütendes Artillerieduell am Ostrand des Dorfes, bei dem ein Panzer liegenblieb und ein Soldat fiel — ein Einziger, an einem Feldrain, kurz bevor alles vorüber war. Ihr erinnert euch an einen anderen jungen Soldaten, an einem anderen Wall, achtzehnhundert Jahre zuvor. Ich erinnere mich an jeden von ihnen. Es ist, am Ende, immer derselbe Junge, und es ist immer dieselbe Grenze, über die er sieht. Am sechsundzwanzigsten März zogen die letzten deutschen Soldaten ab; dann kamen die Amerikaner vom Ostrand her, und der Krieg ließ von diesem Fleck ab, wie er von allem ablässt, sobald nichts mehr zu holen ist.

Er wurde Förster. Es passte zu ihm, wie es zu diesem ganzen Ort passt, an dem seit siebzehnhundert Jahren Männer den Rand des Waldes bewachten — der Auxiliar auf dem Turm, der Waldhüter des Grafen, der Beamte mit dem Stativ, und nun er, mit der Flinte über der Schulter und meiner Hälfte in der Manteltasche, die er nie ganz ablegte. Er wusste nicht, dass er der Jüngste in einer sehr alten Reihe war. Die Menschen wissen das nie. Sie glauben, sie fangen an. In Wahrheit stellen sie sich nur an eine Stelle, an der schon lange jemand gestanden hat.

Mitte der fünfziger Jahre bauten sie ihm ein Haus. Nicht im Dorf — am Rand, wo der Forst beginnt, keine tausend Schritt vom alten Wall, den die Bücher nun Limes nannten und die Leute noch immer, aus alter Zärtlichkeit, den Teufelswall. Ein schlichtes Haus, für einen, dessen Beruf der Wald war. Ein Forsthaus. Sie stellten es genau dorthin, wo die Grenze gewesen war zwischen dem Reich und der Wildnis — auf die Naht zwischen dem, was die Menschen ordnen, und dem, was bleibt, wenn sie fertig sind. Es gibt keinen ehrlicheren Platz für ein Haus. Ich weiß, wovon ich rede. Ich liege seit dem Meer auf dieser Naht.

Und dann geschah das, worauf ich, ohne es zu wissen, zweitausend Jahre gewartet hatte, und es geschah, wie das Wichtigste immer geschieht: beiläufig.

Der Förster hatte einen Jungen. Und dieser Junge tat, was die Kinder an diesem Wall immer getan hatten, seit Trine, seit Cunz: Er kam mit einem geliehenen Fahrrad und einer Blechschachtel herauf und grub nach einem Schatz, weil ein Kind an einem Ort, den die Großen Teufelswall nennen und die Bücher Limes, gar nicht anders kann. Er grub im Laub, dort, wo kein Fackelschein hinreicht, wo ich seit der Raubnacht von 1725 gelegen hatte, zweihundert Jahre, geduldig, vergessen — und seine Finger fanden mich. Milchiger Quarz, aufgebrochen, tausend Kristalle im Nachmittagslicht. Er rief nicht einmal. Manche Wunder sind so groß, dass ein Kind sie ganz still in die Blechschachtel legt und mit nach Hause nimmt.

Nach Hause. Ins Forsthaus. Wo in einer Manteltasche an einem Haken die andere Hälfte hing.

Ich will euch nicht belügen und sagen, sie hätten uns in jener Stunde zusammengefügt. Das Leben reimt sich nicht so ordentlich, wie eine Geschichte es täte. Der Förster nahm die Fundsache seines Jungen in die Hand, drehte sie ins Licht, sagte etwas Freundliches über schöne Steine, und für einen einzigen Herzschlag lagen wir beide auf demselben Tisch, nach achtzehnhundert Jahren, getrennt durch eine Handbreit Holz — so dicht dran, dass es fast unhöflich war. Er sah sogar die Bruchkante. Er runzelte die Stirn. Und dann rief jemand nach ihm, oder der Hund bellte, oder die Suppe kochte über, und er legte den einen Stein zum anderen und ging, und das Leben schob sich dazwischen, wie es sich immer dazwischenschiebt. Wir waren im selben Haus. Wir haben uns, all die Jahre, nicht berührt.

Es waren gute Jahre. Ich sage das ohne Wehmut. Das Forsthaus füllte sich mit dem, womit Menschen Häuser füllen: mit Streit und Weihnachten und einem Kind, das an eine Wand heimlich eine Jahreszahl kritzelte, ehe die Tapete darüberkam. Sie stopften Zeitungen in die Ritzen der Wände gegen die Kälte, und die Zeitungen erzählten von einer Welt, die sich für den Nabel hielt, so wie alle Welten vor ihr. Über dem Berg drüben hörten sie in jenen Jahren auf, nach Silber zu graben — 1959 war Schluss, nach neunzehnhundert Jahren, von Rom bis zuletzt; der Staub hatte genug Jakobs geholt. Der Berg behielt den Rest, wie er alles behält. Und wir zwei Hälften wurden mit der Zeit, was wir für die meisten Menschen immer schon gewesen waren: zwei stumpfe Steine, für die niemand mehr eine Verwendung hatte. Man legte uns beiseite. Man legte uns, irgendwann, in den Garten — dorthin, wohin die Menschen legen, was zu schön zum Wegwerfen und zu nutzlos zum Behalten ist.

Und da, im Gartenboden, im Dunkeln, zwischen Wurzeln und Regenwürmern, kamen wir endlich zur Ruhe. Nicht nebeneinander. Aber im selben Grund. Zwei Hälften eines wertlosen Steins, die zusammen mehr Reiche hatten fallen sehen als irgendein Historiker, endeten dort, wo alles endet, was die Menschen nicht mehr verstehen: in der Erde. Der Förster wurde alt und ging. Das Haus stand leer, wechselte die Hände, wartete. Häuser können das auch, ein bisschen. Sie haben es von den Steinen gelernt.

Dann, in einem Jahr, das ihr 2022 nennt, kamt ihr.

Ihr kamt nicht von weit — und doch von überallher. Mehr als zwanzig Jahre lang wart ihr unterwegs gewesen, eine Familie im Schlepptau der Aufträge eines Mannes, der Soldat ist: Brandenburg, Sachsen, Norwegen, Nordrhein-Westfalen, ein Standort nach dem anderen, immer die Kisten halb gepackt, immer das nächste Quartier schon am Horizont. Ich kenne das, besser als die meisten. Ich kenne die Soldaten, die an Grenzen standen und von zu Hause träumten — Tossius am Wall, den jungen Mann, der 1945 am Feldrain fiel, den Heimkehrer mit meiner Hälfte in der Tasche. Sie alle wollten nur das eine: ankommen. Die wenigsten durften.

Ihr durftet. Ihr kauftet das alte Forsthaus, das niemand mehr wollte — und ihr wisst ja inzwischen, was das bedeutet: Was man nicht will, das überlebt, und was überlebt hat, wartet nicht auf den, der vorbeizieht, sondern auf den, der bleibt. Nach all den fremden Wänden war dies die letzte, die eigene, die endgültige. Ein Mann, der sein Leben lang aufbrechen musste, kam an einen Ort, der einmal eine Grenze gewesen war — und blieb. Achtzehnhundert Jahre lang hatte an diesem Wall jeder nur Wache gehalten und war weitergezogen. Ihr wart die Ersten, die blieben.

Ihr risst die Tapeten ab, und darunter kam die Jahreszahl eines Kindes zum Vorschein, und die Zeitungen aus den Ritzen, und all die kleinen Schichten, mit denen ein Haus, ganz wie eine Geode, sein Inneres vor der Welt verbirgt: außen nichts, innen ein ganzes Leben. Ihr grubt den Garten um, um etwas zu pflanzen — und Menschen, die pflanzen, haben aufgehört zu wandern; es ist das sicherste Zeichen, das ich kenne. Da hob ein Spaten, an einem gewöhnlichen Tag, aus der Erde einen Klumpen milchigen Quarz. Und einen zweiten.

Ihr hieltet uns ins Licht, beide, so wie Tossius es getan hatte und Cunz und Heinicus und der Förster — und dann tatet ihr das eine, das keiner von ihnen getan hatte. Ihr saht die Bruchkanten. Und ihr fügtet sie zusammen.

Wir passten. Natürlich passten wir. Wir hatten die ganze Zeit zueinander gepasst, achtzehnhundert Jahre lang, über Wälle und Flüsse und Reiche hinweg, die sich alle für ewig hielten und alle gingen. Es machte ein leises Geräusch, als ihr uns zusammenfügtet, ein Klicken, das nur wir beide hörten. Und zum ersten Mal, seit ein Germane mich aus Trotz über eine römische Palisade geworfen hatte, war ich wieder ganz.

Am Waldrand, in der Dämmerung jenes Tages, stand etwas, das die Form eines Mannes hatte und zu ruhig war für einen. Es hatte Legionen kommen und gehen sehen, Grafen und Herzöge, den Teufel, dem man die Mauer nahm, und einen Förster, der der Letzte einer langen Reihe von Wächtern gewesen war. Nun sah es zum Forsthaus herüber, wo im Fenster Licht war und in einer Hand ein Stein, der wieder ganz war. Es sah nicht bekümmert aus. Vielleicht — ich bin ein Stein, ich deute ungern — sah es zum ersten Mal seit sehr langer Zeit aus, als könne es gehen.

Der Wald bleibt. Das habe ich euch von Anfang an gesagt, und es ist das Einzige, was ich wirklich weiß. Die Reiche kommen an seinen Rand, ziehen ihre Grenzen, graben nach ihrem Silber, setzen ihre Reiter auf Sockel — und der Wald schließt sich über allem wieder zu wie eine Hand über einer Wunde. Was bleibt, ist der Ort. Und manchmal, wenn ihr Glück habt, ein Stein, der lange genug gewartet hat, um euch beim Nachhausekommen zuzusehen.

Ihr habt uns in den Garten zurückgelegt, ganz, die zwei Hälften aneinander. Es ist der beste Platz, den man uns je gegeben hat. Von hier aus sehen wir das Haus, und den Wald, und den alten Wall dahinter, und wir haben, wie immer, alle Zeit der Welt.

Wir sind angekommen. Und wir erzählen euch, wenn ihr wollt, gern die ganze Geschichte noch einmal von vorn.