Ich habe euch von den Kindern erzählt, die mich fanden — von Trine im hungrigen Winter, von dem Jungen mit dem Fahrrad, der noch kommen sollte. Kinder und ich, wir haben ein Abkommen, seit es Kinder gibt: Sie sind die Einzigen, die sich noch für etwas bücken, das nur schön ist. Diesmal aber fanden mich die Kinder nicht. Sie kamen mir sehr nah, näher als die meisten. Aber ich blieb im Dunkeln, denn meine Zeit war noch nicht gekommen, und ein Stein weiß zu warten, auch wenn über ihm die Welt in Flammen steht.
Sie kamen aus Frankfurt. Achtzehn Schulkinder und ihr Lehrer, ein Mann namens Fischer — es ist derselbe Name, den gut dreihundert Jahre zuvor ein ermordeter Pfarrer getragen hatte, ins Lateinische gewendet, aber das wussten sie nicht, und ich sage es nur, weil mir solche Fäden nie entgehen; ich habe nichts anderes zu tun, als sie zu bemerken. Die Stadt, aus der sie kamen, brannte unter den Bombern, und so schickte man sie hinauf in die Höhen, in ein Dorf, das auf keiner Karte stand, das zu klein, zu abseits, zu unwichtig war, um sich zu lohnen. Ich habe euch gesagt, das sei der beste Schutz, den es gibt. In jenen Jahren rettete er Kindern das Leben.
Für die Frankfurter Kinder war Durrenholzhusen ein anderer Stern. Sie kamen aus Straßen und Straßenbahnen und kannten den Wald nur aus Bilderbüchern, und nun standen sie in einem Tal voller Bäche und Kühe und alter Leute, die eine Sprache sprachen — Hollesse, sagten die Einheimischen zu ihrem eigenen Ort —, in der die Stadtkinder erst kein Wort verstanden. Sie lernten es. Kinder lernen alles, am schnellsten das, was die Erwachsenen für unlernbar halten. Sie lernten, wo die Brombeeren stehen und welcher Hund beißt und dass man an des Teufels Mauer, oben am Waldrand, angeblich nicht allein sein sollte, wenn es dämmert.
Natürlich gingen sie genau dorthin.
Ich hörte sie kommen, wie ich alle Kinder an diesem Wall habe kommen hören, über die Jahrhunderte, mit demselben zu lauten, zu mutigen, zu dünnen Lachen, mit dem Kinder gegen das Unheimliche antreten. Sie spielten auf dem alten Buckel, der ein römischer Wall gewesen war und den sie für des Teufels hielten, und sie ahnten nicht, dass sie auf einer Grenze spielten, an der schon einmal ein Junge Wache gestanden hatte, achtzehnhundert Jahre zuvor, ein Junge, so fern von zu Hause wie sie. Einer von ihnen grub sogar, an einem langen Nachmittag, mit einem Stock im Laub, auf der Suche nach einem Schatz — sie graben immer nach Schätzen, an diesem Wall — und kam mir so nah, dass ich sein Atmen hörte. Aber der Stock fand mich nicht. Es war nicht seine Hand, für die ich lag. Manchmal ist das Schwerste, was ein Stein tut, das Stillhalten, wenn eine kleine Hand eine Handbreit über ihm im falschen Laub wühlt und dann weiterzieht.
Dann kam der Krieg auch die Höhen herauf, langsam, wie das Wasser in einen Keller.
Erst belegte die Wehrmacht den Schulsaal, in dem die Frankfurter Kinder gerechnet hatten, und der Unterricht zog in die Wohnstuben. Dann flogen die Geschwader fast ohne Unterbrechung über das Tal, Tag und Nacht, und man hörte das Donnern näher rücken. Dann pfiffen die ersten Granaten. Ich lag im Laub und spürte den Krieg durch die Erde, so wie ich ihn dreihundert Jahre zuvor durch die Erde gespürt hatte, als Kroaten das Dorf leerräumten — es ist immer dasselbe Beben, es hat nur jedes Jahrhundert einen anderen Namen. Der Kirchturm bekam seine drei Treffer. Am Ostrand fiel ein Soldat. Und die Kinder, die Frankfurter und die von Hollesse, hockten in den Kellern beieinander, Stadt und Dorf, nun endlich dieselben, wie Kinder es unter der Erde immer werden.
Sie überlebten. Fast alle Kinder dieses Tales haben überlebt, in jenem Krieg; das Dorf war zu klein, um sich zu lohnen, und diesmal rettete das nicht nur einen Stein, sondern eine ganze Schar Kinder. Als der Krieg müde wurde und aufhörte — nicht weil jemand gewann, ihr kennt die Melodie —, kehrten die Frankfurter Kinder nach und nach zurück in ihre ausgebrannte Stadt, zu dem, was von ihr übrig war, und Hollesse wurde für sie eine Erinnerung, wie es das für so viele geworden ist: das Tal, in das man sie schickte, als die Welt brannte, und in dem sie, mitten im Untergang, Brombeeren pflückten und an einem alten Wall nach Schätzen gruben.
Einer von ihnen, das weiß ich, hat den Wall nie vergessen. Man vergisst die Orte nicht, an denen man ein Kind war, während anderswo die Welt zu Ende ging. Vielleicht ist er später einmal wiedergekommen, ein alter Mann in einem fremden Auto, und hat oben am Waldrand gestanden und nicht recht gewusst, warum ihm die Kehle eng wurde. Ich hätte es ihm sagen können. Aber ich lag da noch im Dunkeln und wartete auf eine andere Hand, die erst ein paar Jahre später kommen sollte, mit einer Blechschachtel und einem geliehenen Fahrrad.
Die Kinder graben immer nach Schätzen an diesem Wall. Eines Tages, das wusste ich schon damals, würde einer von ihnen mich finden. Es war nur noch nicht so weit.
