Dornholzhausen

Der Wurf

Am Limes wirft Wulf den Stein über den Wall. Der Aufprall trennt die Geode in zwei Hälften.

Illustration des römischen Limes im nächtlichen Taunuswald

Von außen bin ich nichts. Ein Klumpen aus Lehm und Rost, wie zehntausend andere, die der Mühlbach ins Tal spuckt. Niemand hebt mich zweimal auf. Das ist in Ordnung. Ich habe Zeit — mehr Zeit, als sich ein Wesen mit Beinen und Verfallsdatum je vorstellen kann. Ich sah ein Meer kommen und wieder gehen, offenbar ohne sich zu verabschieden. Ich überlebte Bäume, die für ewig hielten und dann von einem Käfer erledigt wurden. Und ich sah zu, wie die ordentlichsten Menschen der Weltgeschichte einen Wall durch den Wald zogen, schnurgerade, im festen Glauben, ein Zaun würde die Wildnis beeindrucken.

Er tat es nicht. Und, das ist der Teil, den die Römer nie begriffen: Er lief an mir vorbei. Mein Tal, der Mühlbach, lag auf der falschen Seite ihrer Linie — draußen, im Wald, den sie das freie Germanien nannten, mit einer Mischung aus Verachtung und schlecht verhohlener Nervosität. Rom hörte an dieser Palisade auf. Ich fing dort gerade erst an.


Gefunden hatte mich ein Junge, den sie Wulf nannten, unten am Bach, wo mein Weiß aus dem Kies blitzte. Er drehte mich im Licht, wog mich in der Hand, fand mich schwerer und schöner als jeden anderen Stein — und beschloss, ich sei sein Glück. Menschen tun das gern: einem beliebigen Ding Bedeutung geben und dann fest daran glauben. Ich habe nichts dagegen. Es ist der netteste Aberglaube, den sie haben, und Wulf trug mich zwei Sommer lang am Riemen, durch Regen, durch eine verlorene Rauferei und eine gewonnene Werbung um ein Mädchen aus dem Nachbartal. Ich mochte ihn. Für einen Sterblichen war er von erträglicher Dummheit.

Auf der anderen Seite des Walls, oben auf dem Holzturm, stand in jener Nacht ein anderer junger Mann. Sie nannten ihn Tossius, und das war nicht einmal sein Name. Sein Name war lang, klang in seiner pannonischen Heimat wie Wasser über Kiesel und hatte etwas Stolzes mit einem Bären darin. Ein römischer Schreiber mit Tinte am Ärmel und Feierabend im Herzen hatte ihn als TOSSIVS eingetragen, was in keiner Sprache der Erde irgendetwas bedeutet, und dabei blieb es. Man kann ein Reich von Britannien bis an den Euphrat errichten und trotzdem einen jungen Mann sein Leben lang einen Tippfehler sein lassen.

Er fror. Er hatte sich die Grenze des Imperiums glanzvoller vorgestellt; von der Nässe hatte man ihm bei der Werbung nichts erzählt. Vor ihm die Palisade, im Graben davor die lilia — zugespitzte Pfähle, schräg eingegraben, Zähne nach außen, „Lilien" genannt, was ungefähr so passte, als nenne man einen Metzger „Streichelonkel". Hinter ihm, tief im Reich, glomm Feuerschein: Dort trieben zwei Trupps seit dem Sommer einen Stollen in den Berg, weil ein Erzsucher aus Gallien geschworen hatte, hier atme das Silber unter der Wurzel.

Und hier kommt der Teil, den ich seit achtzehnhundert Jahren am liebsten erzähle, weil er mir nie langweilig wird: Sie hatten recht. Das Silber war da, eine fette, glänzende Ader, reich genug, einen Statthalter zum Weinen zu bringen — eine Armlänge neben ihrem Stollen, hinter einer Felswand, an der sie Nacht für Nacht vorbeihämmerten, fluchend, schwitzend, so dicht dran, dass es fast unhöflich war. Ich wusste, wo es lag. Ich weiß, wo in diesem Land alles liegt. Aber ich bin ein Stein. Reden gehört nicht zu meinen Gaben, so gern ich hier eine Ausnahme machen würde.

Es war die dritte Stunde der Nacht, als der Wald verstummte — und dann, viel unangenehmer, wieder laut wurde.

Sie kamen aus dem Dunkeln, ein halbes Dutzend, Wulf mittendrin. Kein Überfall, dafür waren sie zu wenige und zu jung; eher das, was der Optio abschätzig einen Störversuch nannte. Sie warfen Erdklumpen gegen die Palisade, brüllten Dinge auf Germanisch, von denen Tossius nur „eure Mütter" heraushörte, und rüttelten am Wall wie Halbstarke an einem fremden Gartenzaun. Kein Ruhm zu holen, für keine Seite. Tossius griff trotzdem nach dem Horn, das Herz bis zum Hals, weil ihm niemand gesagt hatte, dass Angst nicht zwischen echter und lächerlicher Gefahr unterscheidet.

Und Wulf — der übermütige, verliebte, erträglich dumme Wulf — tat in diesem Moment das Trotzigste, Sinnloseste und, wie ich zugeben muss, Großartigste, was ein Mensch tun kann: Er riss mich vom Riemen, holte aus und schleuderte sein Glück über die Palisade, mitten in Roms Gesicht. Nehmt's doch, wenn ihr alles nehmt. Erstickt dran. Nach ein paar Millionen Jahren als Wurfgeschoss zu enden, hat, bei allem Respekt, eine gewisse Größe.

Ich flog. Über die Spitzen, über den Graben, über die ganze mühsam gezogene Grenze des größten Reiches der bekannten Welt — und landete klackend auf den Bohlen des Turms, direkt vor Tossius' Füßen.

Er zuckte zusammen, als sei ich ein Geschoss (was ich, genau genommen, war), starrte in die Dunkelheit, wo die Germanen schon lachend abzogen, und bückte sich dann nach dem Ding, das ihm die Nacht vor die Sandalen geworfen hatte. Milchiger Quarz. Ein Soldat lernt, dass solche Steine liegen, wo das Erz schläft. Er wog mich in der Hand, so wie Wulf mich zwei Sommer zuvor gewogen hatte, und für einen Herzschlag trugen zwei Feinde denselben Gedanken: Vielleicht bringt der mir Glück.

Er brachte keinem von beiden welches.

Denn als Tossius sich aufrichtete, sah er es — dort, wo der Feuerschein aus dem Stollental nicht mehr hinreichte, zwischen den Stämmen jenseits des Walls: etwas in Gestalt eines Mannes, das zu ruhig war für einen. Kein Germane. Kein Späher. Etwas, das schon dagewesen war, als Rom noch am Rhein hockte und diesen Wald keinen Namen gab, weil man Dinge, die man fürchtet, ungern benennt. Es sah ihn an. Und dem armen, verfrorenen, falsch geschriebenen Tossius dämmerte die eine Wahrheit, für die Männer sonst ein ganzes Leben brauchen: dass die Grenze nicht der Anfang von Roms Land war, sondern das Ende.

Er wich zurück. Nur einen Schritt. Aber ein Schritt genügt, wenn man einen glatten Stein in einer schwitzigen Hand hält.

Ich fiel — vom Turm auf den nackten Fels, den sie freigelegt hatten. Ich fiel, wie ich seit dem Meer nicht gefallen war, und der Fels nahm ohne Umschweife, was das Wasser in Jahrmillionen geformt hatte. Ich zerbrach. Zwei Hälften, ein Riss sauber wie ein Schwertschnitt quer durch die Höhle — und zum allerersten Mal fiel Licht in mein Inneres, auf tausend Kristalle, die nie ein Auge gesehen hatte, weiß und funkelnd im Fackelschein wie ein Stück gestohlener Himmel. Ich will nicht dramatisch sein. Aber nach ein paar Millionen Jahren Dunkelheit ist das schon ein Auftritt.

Die Gestalt im Wald war fort, als hätte sie nur gewartet, bis der Berg endlich seinen Schmuck zeigt, und keinerlei Interesse am übrigen Theater gehabt.

Am Morgen fanden sie Tossius schlafend, das Horn ungenutzt, weit und breit kein Feind. Zwei Tage Wache ohne Wein und den Ruf, im Dunkeln zu träumen. Er hob nur die eine Hälfte auf, die vor ihm auf den Bohlen lag, wischte den Lehm ab und schob sie in den Beutel. Ein Glücksstein. Etwas, das ihn heimbringt, über den Fluss, nach Pannonien. (Tat es nicht. Aber das ist eine andere Geschichte, und dabei war ich nicht dabei — Steine werden nicht überallhin eingeladen.)

Die andere Hälfte fiel durch eine Ritze der Bohlen hinunter, über den Fels, den Hang hinab — zurück auf die freie Seite, in den Mühlbach, in meinen Wald. Nach Hause. Wulf suchte drei Tage danach. Er fand einen Kiesel, der ähnlich aussah, redete sich ein, es sei derselbe, und war zufrieden. Menschen sind so. Es ist ihre liebenswerteste Eigenschaft.

Die Heimat-Hälfte blieb, wo sie hingehörte. Und es sollte mehr als tausend Jahre dauern, bis eine Hand sie wieder aus der Erde hob — in einem Dorf, das damals noch gar nicht stand, an einem grauen Novembertag des Jahres, das die Mönche 1260 schrieben, gefunden von einem Mann mit noch weniger Ahnung als Tossius. Was, ehrlich gesagt, eine Leistung ist.

Aber ich greife vor.