Jetzt, da wir wieder beieinanderliegen im Garten, meine Hälfte und ich, haben wir uns alles erzählt. Zweitausend Jahre Getrenntsein, in ein paar stillen Nächten nachgeholt. Sie kennt die Dörfer, den Wall, das Laub, das Warten. Ich kenne die Städte. Und wenn ihr wissen wollt, was aus der anderen Hälfte wurde — aus der, die der junge Tossius im Beutel über den Fluss trug —, dann muss für eine Weile ich das Wort führen. Verzeiht mir, wenn ich weltläufiger klinge. Ich habe unter feinerem Volk gelegen. Es färbt ab, leider.
Tossius kam nie nach Pannonien. So viel vorweg, damit ihr nicht die ganze Zeit darauf wartet.
Er kam nur bis zum Zusammenfluss der zwei großen Flüsse, dorthin, wo der eine trüb und breit und der andere grün und eilig ankommt und sie sich zu einem einzigen Wasser einigen, ob sie wollen oder nicht. Confluentes nannten es die Römer, mit ihrem Talent, das Offensichtliche feierlich klingen zu lassen: „die Zusammenfließenden". Es gab ein Kastell, eine Brücke, die sie stolz gebaut hatten, Lagerhäuser, eine Straße, auf der alles nach Süden ging, was Rom aus diesen nassen Provinzen herauspressen konnte. Für Tossius war es die größte Stadt, die er je gesehen hatte. Für mich, der ich Meere hatte kommen und gehen sehen, war es ein hübsches, geschäftiges Missverständnis am Wasser. Aber ich hielt den Mund. Steine halten den Mund. Das ist unsere vornehmste Eigenschaft und der Grund, warum man uns überallhin mitnimmt.
Man hatte ihn versetzt, den Fluss hinab, wie man einen jungen Mann eben versetzt, wenn niemand oben sich seinen Namen merkt — und seinen Namen merkte sich, ihr erinnert euch, ohnehin niemand. Er trug mich weiter am Riemen, seinen Glücksstein, seine halbe Höhle voll Licht, und er glaubte fest, ich würde ihn eines Tages heimbringen. Ich hätte ihm sagen können, dass ich noch nie jemanden irgendwohin gebracht habe außer ins Grübeln. Aber er redete mit mir in den kalten Nächten am Fluss, so wie sie alle mit mir reden, und ich hörte zu, so wie ich immer zuhöre. Es war, alles in allem, keine schlechte Gesellschaft für ein paar Jahre.
Es war kein Ruhm, der ihn holte. Kein Germane, kein Schwert, keine große Nacht. Es war ein Fieber, das im Sommer die Baracken hinaufkroch, leise und gründlich, und Tossius, der zu jung gewesen war für seine Augen, war am Ende auch zu müde für seinen eigenen Atem. Sie legten ihn zu den anderen in die Erde vor den Toren, ordentlich, wie die Römer selbst das Sterben ordentlich hielten, und was er bei sich getragen hatte, das teilten die Lebenden unter sich auf, wie die Lebenden es tun. Ein Kamerad wog mich in der Hand. Kein Silber. Kein Metall. Ein hohler Stein mit einem hübschen Innenleben und keinem Marktwert.
Ihr ahnt, was kam. Ihr kennt das Lied inzwischen.
Er warf mich weg.
Aber wie das Schicksal die Dinge gern reimt: Er stand dabei genau auf der Landzunge, an der Spitze, wo die zwei Flüsse sich treffen — und dorthin fiel ich, in den weichen Uferschlamm zwischen Rhein und Mosel, an das äußerste Ende Roms, das hier, am Wasser, so tat, als sei es die Mitte der Welt. Meine andere Hälfte fiel an einen Wall, den Rom aufgeworfen hatte, um die Wildnis draußen zu halten. Ich fiel an eine Ecke, die Rom aufgeworfen hatte, um die Welt hereinzulassen. Zwei Hälften eines Steins, an die zwei Enden desselben Reiches gespült, das eine so überzeugt von seiner Dauer wie das andere.
Das Reich hielt noch ein paar Jahrhunderte. Dann holten sie es herein, wie man abends die Wäsche hereinholt — genau, wie meine Hälfte es euch schon gesagt hat; wir sind uns in vielem einig, wir zwei —, und die Brücke verfiel, und das Kastell verfiel, und über die Landzunge, unter der ich lag, wuchs Gras, dann eine neue Sprache, dann eine neue Kirche, dann ein Name, den ich damals noch nicht kannte und der später einmal das Deutsche Eck heißen sollte, weil Ritter mit weißen Mänteln sich hier wichtig machten. Doch dazu gleich.
Ich lag im Schlamm am Zusammenfluss und tat, was auch meine Hälfte tat, sechzig Meilen landeinwärts unter ihrem Laub, ohne dass wir voneinander wussten: Ich wartete. Wir sind, bei aller Verschiedenheit der Aussicht, in der einen entscheidenden Sache immer dieselben geblieben.
Wir haben Zeit.
