Ich hatte gedacht, ich hätte den Untergang eines Weltreichs bereits gesehen, und damit sei das Kapitel für mich geschlossen. Man wird nachlässig mit solchen Annahmen, wenn man alt ist. Reiche sind wie Pilze: Kaum ist eines vermodert, drückt an derselben feuchten Stelle das nächste durch den Boden, in der festen Überzeugung, es sei das erste seiner Art und für die Ewigkeit gemacht.
Über mir, im Uferschlamm an der Landzunge, war Rom vergangen, dann kamen die Franken, und einer von ihnen, ein gewisser Karl, den sie später den Großen nannten, hatte sich in einer kalten Kirche in Rom zum Kaiser krönen lassen — Kaiser der Römer, wohlgemerkt, als könne man ein totes Reich wie einen Mantel einfach wieder anziehen, wenn einem der eigene zu schlicht ist. Ich lag im Dreck sechzig Schritt von den Männern entfernt, die diesen Mantel nun unter sich aufteilten, und ich muss sagen: Es war das lehrreichste Schauspiel meines langen Lebens.
Sie hatten am Zusammenfluss eine neue Kirche gebaut, St. Kastor, hübsch, ehrgeizig, mit frischem Kalk, der noch nach nassem Stein roch. Ein Maurer hatte mich beim Graben der Fundamente gefunden, mich einen Herzschlag lang ins Licht gehalten, „ei, ein Wunderstein" gemurmelt und mich dann, weil ein Maurer im Akkord arbeitet und Wunder nicht bezahlt werden, in eine Ritze des Sockels geschoben, wo ich fortan lag wie ein Zeuge, den niemand geladen hatte. Von dort sah ich sie kommen: drei Brüder mit ihren Perücken aus Kriegern und Schreibern, Enkel des großen Karl, die sich hierher, ausgerechnet an mein Eck, gesetzt hatten, um zu bereden, wer welches Drittel der Welt bekäme.
Es ging, wie es bei Menschen immer geht, wenn sie etwas teilen, das ihnen nicht gehört: laut, dann leise, dann mit Tinte. Der eine wollte den Kaisertitel und den Streifen in der Mitte, wo die reichen Städte lagen. Der andere den Osten, wo die Sprache härter war und später einmal deutsch heißen sollte. Der dritte den Westen. Sie zerschnitten das Erbe ihres Großvaters wie eine Wurst, an einem Tisch in meiner Kirche, und jeder ging heim in dem Glauben, er habe das bessere Stück, und keiner von ihnen ahnte, dass sie in diesen Tagen die Landkarte für tausend Jahre Krieg zeichneten — für all die späteren Fürsten, Kaiser und Grenzen, für die vier Herren im fernen Einrich, für die Palisade und für die Granate, die einmal kommen sollte. Alles begann an diesem Tisch, mit drei Brüdern und einem Federmesser.
Ich lag im Sockel und dachte, was ich immer denke: Ihr teilt euch eine Wolke.
Denn das ist es, was sie nie verstehen, die Karls und die Lothare und die Kaiser mit ihren Denkmälern, die noch kommen: Man kann einen Fluss nicht besitzen. Man kann an ihm eine Kirche bauen, ein Kastell, ein vierundvierzig Meter hohes Reiterstandbild — der Fluss schaut sich das an, geduldig, und fließt weiter, wenn der letzte Kaiser längst Kopf und Sockel getrennt hat. Das Wasser gehörte niemandem, als Rom kam, es gehörte niemandem, als die drei Brüder es aufteilten, und es gehört niemandem heute. Nur die Menschen wechseln, die ihm beim Vorüberziehen erklären, es sei nun ihres.
Der Maurer, der mich in die Ritze geschoben hatte, war längst tot, als die Brüder ihre Tinte trocknen ließen. Die Kirche, in die er mich gemauert hatte, überstand mehr, als er sich hätte träumen lassen. Und ich? Ich blieb im Sockel, ein paar Jahrhunderte, bis Frost und Regen den Kalk mürbe machten und mich eines Tages wieder ausspuckten, hinaus in den Schlamm der Landzunge, zurück an mein Eck, so wie meine Hälfte immer wieder an ihren Wall zurückrollte. Wir sind uns ähnlicher, als zweitausend Meilen es vermuten ließen, meine ferne Hälfte und ich. Wir kehren beide dahin zurück, wo man uns hingelegt hat, wenn die Großen fertig sind mit ihren großen Dingen.
Dann kamen Ritter mit weißen Mänteln und schwarzen Kreuzen an die Spitze, machten sich wichtig und gaben der Landzunge einen Namen, der bleiben sollte. Aber wisst ihr was — nach einem Tisch, an dem drei Brüder ein Weltreich zu Wurst schnitten, sind ein paar Ritter mit gutem Schneider nicht mehr der Rede wert.
Ich blieb im Schlamm am Eck und wartete auf das nächste Reich, das kommen und mir am selben Fleck erklären würde, es sei das erste seiner Art. Doch ehe das nächste große Reich kam, geschah — weit von hier, in meinem eigenen Tal, wo meine andere Hälfte im Bach lag — etwas Kleines und Großes zugleich: Man gab meiner Heimat einen Namen.
