Man hatte mir nachgesagt, ich brächte Glück. Man hatte mir nachgesagt, ich brächte Unglück. In dem Winter, von dem ich jetzt erzähle, lernten die Menschen etwas Dritteres, Bittereres: dass es Zeiten gibt, in denen ein Stein weder das eine noch das andere tut, sondern einfach nur weiter daliegt, während um ihn herum alles aufhört.
Ich lag in einer Truhe unter Leinen, dort, wohin Greth mich nach jener Nacht gelegt hatte, und Greth war lange tot, und die Truhe gehörte inzwischen Leuten, die nicht mehr wussten, warum die alte Frau vor ihnen einen hohlen Stein zwischen den Betttüchern gehütet hatte. Sie ließen mich liegen, weil man Dinge, deren Sinn man vergessen hat, seltener wegwirft, als man denkt. Das hat mich schon durch ganze Jahrhunderte getragen: die Trägheit der Menschen gegenüber Dingen, die keinen offensichtlichen Nutzen haben. Ihr größter Fehler und mein bestes Versteck.
Der Krieg kam nicht auf einmal nach Durrenholzhusen. Er kam wie das Wasser in einen Keller: erst als Gerücht, dann als Geruch, dann stand er in der Stube.
Zuerst waren es nur Nachrichten aus fernen Dörfern, die keiner mit Namen kannte. Dann kamen Menschen über die Höhen, mit Karren und ohne Karren, die nicht redeten und in eine Richtung gingen, die keine war — bloß weg. Dann kamen die Abgaben, und das war fast das Lächerlichste an der ganzen Sache: Der Einrich gehörte, wie seit jeher, mehreren Herren zugleich, und jeder dieser Herren fand, es sei gerade jetzt, mitten im Sterben, der rechte Augenblick, seinen Anteil einzutreiben. Vier Herren, um ein Dorf zu schröpfen. Keiner, um es zu schützen. Die Menschen hatten das seit vierhundert Jahren als Ordnung hingenommen. In jenem Winter begriffen sie, was es wirklich war.
Und dann kamen die Reiter.
Ich sah sie nicht — ich lag in einer Truhe, ich sehe selten etwas, ich höre und ich weiß. Ich hörte die Hufe auf dem gefrorenen Boden, die fremde Sprache, die kein Latein und kein Deutsch war, das Splittern der Tür, die nicht ihre war. Kroaten, flüsterten die Leute später, wenn sie überhaupt noch flüsterten; aber es hätte jeder sein können, in jedem Rock, unter jeder Fahne. Der Krieg hatte längst aufgehört, jemandem zu gehören. Er zog nur noch durch und nahm mit, was warm war.
Sie kippten die Truhe aus. Ich fiel mit dem Leinen auf den Lehmboden, und eine Hand in einem nassen Handschuh fuhr durch die Tücher, schnell, geübt, auf der Suche nach dem, wonach solche Hände suchen: Silber, Zinn, ein Löffel, ein Ring, irgendetwas, das glänzt und sich verkaufen lässt. Die Hand fand mich. Hob mich. Wog mich einen Herzschlag lang — und warf mich in hohem Bogen zur Tür hinaus, in den Schnee, mit einem Fluch, der in jeder Sprache dasselbe heißt: Wertlos.
Ich will nicht undankbar klingen. Aber wenn du ein paar Jahrtausende alt bist und schon über den Limes geflogen und von einem Schwein ausgegraben worden bist, dann hat es fast Würde, im Dreißigjährigen Krieg von einem Söldner weggeworfen zu werden, weil man an dir nichts verdienen kann. Die Gier ging an mir vorbei wie einst das Silber an den Römern. Was man nicht will, das überlebt. Merkt euch das. Es ist beinahe das Einzige, was ich euch raten kann.
Sie brannten nicht alles nieder. Dafür lohnte das Dorf zu wenig. Sie nahmen die zwei Kühe, die es noch gab, den letzten Speck, ein Mädchen aus dem Nachbarhaus, das nie wiederkam, und ritten weiter, dorthin, wo es mehr zu holen gab. Was sie zurückließen, war schlimmer als Feuer: die Pest, die einer von ihnen im Blut mitgebracht und wie eine Münze fallen gelassen hatte. Bis zum Frühjahr lag Durrenholzhusen so still, dass man den Mühlbach bis ins letzte Haus hörte. In vielen dieser Häuser war niemand mehr, der ihn hörte.
Ein Kind fand mich. Sie fanden mich immer, die Kinder; sie sind die Einzigen, die sich noch bücken für etwas, das nur schön ist. Sie hieß Trine, war vielleicht sieben, hatte in einer Woche Mutter, Vater und Bruder verloren und den Verstand, sich davor zu fürchten, gleich mit. Sie hob mich aus dem Schnee, weil an der Bruchseite die Kristalle in der Wintersonne funkelten, steckte mich in die Schürze und ging in den einzigen Ort, an dem in jenem Winter noch Leben war: hinauf in den Wald, an des Teufels Mauer, wo die Übriggebliebenen sich verkrochen hatten wie das Wild.
Sie lebten dort in Erdlöchern am alten Wall — an genau dem Buckel, den vor fünfzehnhundert Jahren müde junge Männer aus Pannonien aufgeworfen hatten, um Menschen wie diese draußen zu halten. Jetzt hielt er sie am Leben. So dreht sich das mit den Grenzen: Was einen aussperren sollte, wird eines Tages das Dach über dem, der nichts mehr hat. Trine kauerte in der Kälte, hielt mich in beiden Händen wie einen Ofen, der nicht wärmte, und redete leise mit mir, so wie Cunz geredet hatte, so wie sie alle geredet haben — über die Mutter, den Bruder, den Hunger, der kein Ende nahm.
Einmal, in der tiefsten Nacht des Winters, sah sie am Rand des Lichtscheins etwas stehen, das die Form eines Mannes hatte und zu ruhig war für einen. Die anderen schliefen oder waren zu schwach zum Hinsehen. Trine sah es an, und es sah zurück, und sie fürchtete sich nicht, weil ein Kind, das schon alles verloren hat, nicht mehr weiß, was Furcht noch nehmen sollte. Am Morgen lag ein totes Reh am Rand des Lagers, das keiner geschossen hatte. Sie aßen drei Tage davon. Ich sage nicht, dass das eine mit dem anderen zu tun hatte. Ich sage nur, was ich weiß, und ich weiß nur, was ich sah.
Trine überlebte den Winter. Nicht alle. Als der Krieg viele Jahre später endlich müde wurde und aufhörte — nicht weil jemand gewann, sondern weil nichts mehr zu holen war —, kamen die Übriggebliebenen aus dem Wald zurück und bauten Durrenholzhusen ein zweites Mal, kleiner, stiller, mit weniger Namen. Trine wurde alt darin. Mich behielt sie ihr Leben lang, und sie erzählte niemandem mehr, ich brächte Glück. Sie hatte gelernt, was ich bin: kein Glück, kein Unglück. Nur etwas, das bleibt, wenn man selbst am Bleiben ist.
Am anderen Ende des Landes, dort, wo meine Hälfte in feineren Händen lag, hungerte in denselben Jahren eine ganze Festung über dem Zusammenfluss der Flüsse sich zu Tode, eingeschlossen, belagert, vergessen. Auch dort brachte kein Stein irgendjemandem Glück. Wir hatten, meine Hälfte und ich, denselben Krieg auf unsere getrennte Art überstanden: indem wir nichts wert waren für die, die alles nahmen.
Es ist keine schöne Art zu überleben. Aber es ist eine.
