Dornholzhausen

Der Pfarrer von der Kanzel

Ein Schultheiß holt Pfarrer Buderus mit elf Mann mitten in der Predigt von der Kanzel – die Bürgerwehr befreit ihn.

Illustration bewaffneter Männer, die einen Pfarrer von der Kanzel holen

Nach dem großen Krieg — jenem dreißigjährigen, der das Dorf beinahe leergeräumt hatte — dauerte es fast dreißig weitere Jahre, ehe Durrenholzhusen wieder einen eigenen Pfarrer bekam. So lange teilte es sich seinen Seelsorger mit dem Nachbardorf, wie ein armer Haushalt sich einen Mantel teilt. Als endlich, 1663, wieder einer allein für die Kanzel kam, hieß er David Buderus, und ich hätte ihm von Herzen ein ruhiges Leben gewünscht. Er bekam kein ruhiges Leben. Er bekam den Einrich.

Ich lag zu dieser Zeit in der Kirche selbst — der Herrgottsstein, in einer Nische neben dem Chorbogen, wohin ihn irgendwann eine fromme Hand gelegt hatte, halb vergessen, halb geduldet. Von dort sah und hörte ich alles, was zwischen diesen kühlen Mauern geschah, und ich sage euch: In einer Dorfkirche geschieht mehr, als die Predigt vermuten lässt.

Buderus hatte ein Talent, das ihm keiner neidete: Er machte sich Feinde, ohne es recht zu wollen. Sein Kirchspiel bestand aus mehreren Dörfern, und wie es in solchen Zusammenwürfelungen zugeht, hatte er in dem einen Freunde und im anderen erbitterte Gegner, und die Gegner liefen zum Amt und denunzierten, was das Zeug hielt. Das Schlimme war: Über den Dörfern saßen immer noch die vier Herren, und keiner von ihnen war sich einig mit den anderen, wem der Pfarrer nun eigentlich zu gehorchen habe. Ein unbedachtes Wort des Buderus gegen die Idsteiner Regierung — hintenherum weitergetragen, versteht sich — machte böses Blut. Und im Einrich wurde böses Blut selten mit Worten beglichen.

An einem Sonntagmorgen im Jahr 1687 kam es, wie es kommen musste, und ich schwöre euch, hätte ein Stein einen Mund, ich hätte laut aufgelacht und mich im selben Atemzug geschämt.

Der Nassau-Saarbrücken-Idsteiner Schultheiß von Miehlen rückte an. Nicht allein — mit einem Unteroffizier und elf Mann, in aller Frühe, wie zu einem Feldzug. Gegen einen Pfarrer. Sie lauerten in der Nähe des Dorfes, geduldig, bis die Glocken läuteten und die Leute in die Kirche strömten. Sie warteten, bis alle drinnen saßen. Sie warteten sogar — und das ist der Zug, an dem ich erkannte, dass es Menschen mit Sinn für den großen Auftritt waren —, bis Buderus oben auf der Kanzel stand und zu predigen anfing. Und in genau dem Augenblick, da er den Mund auftat, um vom Frieden Gottes zu sprechen, stieß der Schultheiß mit seiner tapferen Schar die Kirchentür auf, marschierte durch das Mittelschiff an mir vorbei — ich sah die Gesichter der Bauern, weiß wie Kalk —, stieg zur Kanzel, holte den Pfarrer mitten im Wort herunter und führte ihn gefangen aus seiner eigenen Kirche.

Elf Mann und ein Unteroffizier, um einen einzelnen Prediger von einer Kanzel zu holen. Ich habe ganze Legionen an diesem Landstrich vorbeiziehen sehen; ich sage es ohne Übertreibung: Dies war der tapferste Feldzug, den ich je erlebte, und der lächerlichste. Sie schleppten Buderus nach Burgschwalbach und hielten ihn dort ein paar Tage fest, als sei ein Dorfpfarrer eine eroberte Festung.

Aber das Dorf — und hier bekomme ich es fast mit der Rührung zu tun, was einem Stein selten passiert — das Dorf ließ das nicht auf sich sitzen. Die Niedergrafschaft machte ihre Bürgerwehr mobil, um ihren Pfarrer zu schützen; man kam, öffnete die verschlossene Kirchentür wieder, und gab Buderus sein Amt zurück. Dieselben Bauern, die er mit seiner scharfen Zunge halb gegen sich aufgebracht hatte, standen am Ende mit Forken und Prügeln für ihn ein. So sind die Menschen. Sie denunzieren dich am Werktag und verteidigen dich am Sonntag, und beides meinen sie ehrlich.

Der Streit erlosch dann von selbst, auf die einzige Art, auf die die Streitigkeiten der Menschen wirklich zuverlässig erlöschen. Buderus starb noch im selben Jahr — nicht an einem Schwert, nicht an einem Urteil, sondern an der Ruhr, still, in seinem Bett, wie so viele. Der große Feldzug gegen den Prediger, die elf Mann, die Kanzel, die Festnahme, die Befreiung durch die Bürgerwehr — all das endete an einer Krankheit, die keinen Herrn und keine Konfession fragt.

Sie legten ihn in die Erde, und die Kanzel, von der sie ihn im Wort heruntergeholt hatten, bekam einen neuen Mann. Ich lag in meiner Nische und dachte, was ich nach jedem dieser kleinen, heftigen, sterblichen Aufruhre denke: Sie streiten sich, wem der Pfarrer gehört, wem das Dorf gehört, wem der Himmel über der Kanzel gehört — und keiner von ihnen fragt den Einzigen, der die Antwort seit dem Meer kennt.

Es gehört niemandem. Es leiht sich nur jeder ein bisschen, für eine sehr kurze Zeit, und gibt es dann, ob er will oder nicht, an den Wald und an mich zurück.