Ein Stein misst die Zeit nicht in Jahren, sondern in Händen. Von Cunz' Herdnische wanderte ich durch mehr davon, als ich gezählt habe: Kinder, die mich fanden und wieder verloren, ein Maurer, der mich fast in ein Fundament mörtelte und es sich anders überlegte, eine Wöchnerin, die mich unters Kissen legte, weil ihr die Alte im Nachbarhaus gesagt hatte, ein hohler Stein voll Licht halte den Tod vom Bett fern. Er tat nichts dergleichen. Aber das Kind lebte, und danach war ich in Durrenholzhusen nicht mehr bloß ein Stein. Ich war der Herrgottsstein — ein Wunder, ein Heiltum, je nach dem, wen man fragte, auch: ein Teufelsding, gefunden schließlich an des Teufels Mauer.
Das ist das Praktische an einem Ruf. Man muss nichts dafür tun. Die Menschen erledigen ihn unter sich.
Dreihundertfünfzig Jahre lang genügte ihnen der eine Gott, und sie stritten nur darüber, welchem Heiligen man an welchem Tag eine Kerze schuldete. Dann, ich hatte gerade nicht hingesehen, hatten sie sich einen neuen Weg ausgedacht, einander zu hassen: nicht mehr ob man betete, sondern wie. Ob Bilder an den Wänden hingen oder nackter Kalk. Ob Brot Brot blieb oder mehr wurde. Ob der Herrgottsstein einer armen Frau Trost sein durfte oder ein Götze war, den man zerschlagen musste, um Gott zu gefallen — demselben Gott, in dessen Namen sie sich das Zerschlagen gegenseitig vorwarfen. Ich bin sehr alt. Ich habe Meere kommen sehen. Aber diesen Streit habe ich nie verstanden, und ich sage das ohne Stolz.
Nach Durrenholzhusen kam der Streit in Gestalt zweier Männer, die beide für dieselbe Kanzel bestimmt waren, was schon der Fehler war.
Der erste hieß Salomo Dietz, war aus Dillenburg und ein gutes Stück älter als der andere. Fünfzehn Jahre lang war er hier Pfarrer gewesen, ehe er auf die fettere Pfründe im Nachbarort Niederbachheim hinüberwechselte, wo die Zahlungen weniger schleppend eingingen. Man sollte meinen, damit sei ein Mann zufrieden. Er war es nicht. Es zog ihn zurück an diese Kanzel, die einmal seine gewesen war, wieder und wieder — wie es Menschen an die Orte zieht, an denen sie einmal wer waren. Und die Grafen, Hessen und Nassau, die sich das Kirchspiel teilten, hatten unterdessen mehrmals die Meinung geändert, wie in ihren Landen zu beten sei, mal lutherisch, mal reformiert, und mit jeder Änderung wurde irgendein Pfarrer irgendwo ein Stück falscher, ohne sich zu bewegen.
Der zweite war jünger und hieß Piskator — was nichts anderes ist als „Fischer", in gelehrtes Latein gewendet, wie die Studierten es damals mit ihren Namen hielten. Er kam aus Igstadt bei Wiesbaden, hatte in Wittenberg und Marburg studiert und trat sein Amt mit klaren Augen, klaren Vorstellungen und der festen Absicht an, in Durrenholzhusen aufzuräumen. Aberglaube, sagte er, sei die Hintertür, durch die der alte Irrtum zurückkomme. Er meinte die Kerzen, die die Weiber noch heimlich der Muttergottes stellten. Er meinte den Segen, den die alte Greth über Kranke sprach. Und er meinte mich — den Herrgottsstein, den Greth in einem Tuch bei sich trug und den halbe Dorf für heiliger hielt als das ganze Neue Testament auf der Kanzel.
„Ein Stein", sagte Piskator einmal, laut, damit es ankam, „ist ein Stein. Wer ihn anbetet, betet den Dreck an, aus dem er kroch."
Er hatte, das muss ich zugeben, in jedem Wort recht. Ich bin ein Stein. Ich kroch aus dem Dreck. Nur mit dem Anbeten irrte er sich — niemand betete mich an, sie hielten sich bloß an mir fest, so wie ein Kind sich im Dunkeln an einem Löffel festhält, weil er das Nächste ist, was nicht wackelt. Aber Recht zu haben und verstanden zu werden sind zwei verschiedene Länder, und Piskator ist zwischen ihnen nie angekommen.
Es war der sechzehnte Tag im Februar des Jahres 1608, ein Dienstag, kalt bis auf die Knochen, als Salomo Dietz noch einmal herüberkam und in die Stube seines Nachfolgers trat. Greth war dort, in Tränen, weil man ihr den Stein hatte wegnehmen wollen; ich lag auf dem Tisch zwischen einer Bibel und einer heruntergebrannten Kerze, und Piskator redete, wie er immer redete, richtig und kalt. Der Alte hörte zu. Und in dem Alten, das begriff ich in diesem Moment, war längst nichts Theologisches mehr. Er hatte nicht die Reformierten gegen die Lutherischen im Bauch, nicht die Bilder gegen den Kalk. Er hatte nur den einen, ganz einfachen, uralten Gedanken, den ein Mensch fasst, wenn ein anderer den Platz einnimmt, an dem er einmal wer gewesen ist: Der da steht auf meinem Platz. Ob es wirklich so war, weiß niemand mehr; die Akten schweigen, verblasst und wortkarg, und ich bin nur ein Stein und deute ungern. Vielleicht ging es um den Glauben, vielleicht um Geld, vielleicht um beides, wie so oft.
Ich hätte ihn warnen können. Ich hätte sagen können: Junger Mann, Rechthaben hat noch keinen am Leben gehalten; sieh dir die Hände deines Vorgängers an, nicht seine Lehre. Aber ich bin ein Stein, und meine einzige Gabe ist, dazuliegen und mir alles zu merken.
Der Alte hatte ein Messer, wie es jeder hatte, zum Brot, zum Riemen, zum Leben. Es ging schnell, schneller, als eine Predigt je zu Ende geht. Piskator sah mehr überrascht als erschrocken aus — als hätte man ihn mitten im Satz unterbrochen, und das war für ihn vermutlich das Schlimmste. Die Kerze fiel. Greth schrie. Und ich lag auf dem Tisch in einer Pfütze, die sich langsam von der verschütteten Bibel zu mir schob, dunkel und warm, und dachte den einzigen Gedanken, den ein Stein in solchen Nächten denkt: Auch das geht vorbei. Auch das wird Gras.
Sie nahmen Salomo Dietz das Amt, drüben in Niederbachheim, denn ein Pfarrer, der seinen Nachfolger ersticht, kann schlecht weiterpredigen. Was danach aus ihm wurde, hat niemand aufgeschrieben; die Akten verlieren ihn, wie ein Bach einen Stein verliert. Über Piskator legten sie einen Stein mit seinem Namen, einen ordentlichen, behauenen, der genau das sein sollte, was er war, und nichts weiter. Über die ganze Sache legten sie Schweigen, das in Dörfern die zweitbeste Grabplatte ist.
Mich trug Greth heim, wusch das Blut ab, das nicht das ihre war, und redete danach nie wieder ein Wort über Wunder. Sie legte mich in eine Truhe, unter Leinen, wo kein Pfarrer und kein Graf mich suchen würde, und dort lag ich im Dunkeln, und zum ersten Mal seit dem Meer war mir das Dunkle lieber als das Licht. Ich hatte, offen gesagt, genug gesehen von der Art, wie Menschen einander lieben, indem sie einander erklären, wie man es richtig tut.
Draußen, an des Teufels Mauer, stand in jener Woche etwas am Waldrand, zu ruhig für einen Mann, und sah zum Dorf herüber. Es sah nicht bekümmert aus. Es hatte schon Legionen kommen und gehen sehen; zwei Pfarrer waren dagegen nichts. Vielleicht ist das der einzige Trost, den ein Ort zu geben hat: dass er bleibt, wenn die Rechthaber gegangen sind, und den Wald über allem zumacht wie eine Hand über einer Wunde.
Meine andere Hälfte war weit weg, am Zusammenfluss der großen Flüsse, und ging in jenen Jahren durch feinere Hände als ich — durch Höfe, Perücken und Intrigen, die sich für den Nabel der Welt hielten. Wir hätten uns viel zu erzählen gehabt. Aber ein Stein ruft nicht. Ein Stein wartet.
Und ich hatte Zeit.
