Von meinem Laub am Wall, in den zweihundert Jahren, in denen mich niemand suchte, hatte ich nicht viel zu sehen. Aber ich hatte, das Tal hinab, alles zu hören. Und das Mühlbachtal war in jenen Jahren voller Klang.
Der Bach, an dem sie mich einst aus dem Berg gewaschen hatten, trieb auf seinem Weg nach unten ein Rad nach dem anderen: die Augustinermühle, die Neumühle, die Schulmühle, die Lochmühle, die Lumpenmühle, die Oberwiesermühle. Sechs Mühlen an einem einzigen kleinen Wasser — sie nannten es das Tal der Mühlen, und wenn im Morgengrauen die Wehre geöffnet wurden, lief ein tiefes, hölzernes Rumpeln den ganzen Talgrund hinauf, das sich anfühlte, als atme der Bach im Takt. Ich lag am Wall und hörte es, Tag für Tag, Jahr für Jahr, und es war, nach all dem Sterben, das ich in diesem Tal gehört hatte, ein guter Klang. Ein Rad, das sich dreht, ist ein Versprechen: Es wird gemahlen, also wird gebacken, also wird gelebt.
Die Müller waren ein eigenes Volk, ein wenig abseits, ein wenig verwunschen, wie alle, die am Rand der Dörfer wohnen und mit dem Wasser leben. Der Wanderer war bei ihnen ein gern gesehener Gast; man reichte ihm Brot, ließ ihn durch, tauschte Neuigkeiten gegen einen Schluck. Das Tal war offen, solange die Räder gingen.
Aber ein Bach, der Segen treibt, treibt auch Unheil, denn beides fließt bergab.
In den unruhigen Zeiten kamen die Banden. Verbrecherbanden, Landstreicher, abgedankte Soldaten — Polen, Franzosen, Deutsche, es machte am Ende keinen Unterschied, es machte nie einen —, die durch die Wälder zogen und wussten, dass eine einsame Mühle voller Mehl und ohne Nachbarn ein leichtes Ziel ist. Manche Nacht hörte ich, was ich nicht sehen konnte: das Splittern einer Tür, die nicht ihre war, den kurzen Lärm, dann die zu große Stille danach. Einzelne Mühlen mussten eine ganze Reihe schwerer Raubüberfälle über sich ergehen lassen. Es war dieselbe alte Melodie, die ich am Wall, in der Stube, im Pfarrhaus schon gehört hatte — nur dass sie hier vom Plätschern des Baches begleitet wurde, der weiterlief, als ginge ihn nichts an. Ihn ging es auch nichts an. Das ist das Wesen des Wassers, und manchmal beneide ich es darum.
Von allem aber, was ich in diesem Tal gehört habe, geht mir eines nicht aus dem, was ein Stein statt eines Herzens hat.
An der Schulmühle lebte ein Müller mit seinen Söhnen, und der jüngste — ich kannte seine Stimme, er kam manchmal den Wall herauf und redete mit dem Wind, wie die Jungen es tun — der jüngste kam auf die grässlichste Weise ums Leben, die ein Mühlental bereithält. Er geriet zwischen die beiden großen Kammräder, das Herzstück der Mühle, das Tag und Nacht ineinandergreift, unerbittlich, geduldig, wie die Spitzfallen einst am Wall. Sein Körper wurde von ihnen gedreht. Die Mühle, die das Korn zu Brot macht, die das Leben mahlt, hatte ihn genommen wie eine Handvoll Ähren, ohne Bosheit, ohne Innehalten, allein weil er ihr einen Atemzug zu nah gekommen war.
Ich habe an jenem Tag den Bach anders rauschen hören. Vielleicht bildete ich es mir ein. Ein Stein bildet sich manchmal Dinge ein, wenn er zweihundert Jahre allein im Laub liegt.
Und dann, ganz langsam, verstummten die Räder. Nicht mit einem Schlag — so stirbt kein Tal. Eines nach dem anderen. Die Zeiten wurden neu, das Korn ging andere Wege, die großen Mühlen in den Städten mahlten billiger, als ein Wasser im Taunus es je könnte. Die Lochmühle wurde abgerissen, die Lumpenmühle vor der Jahrhundertwende aufgegeben; von manchen blieb nur ein Mauerrest, an dem im Frühjahr noch der Flieder blühte, den einst eine Müllersfrau gepflanzt hatte, ohne zu ahnen, dass er ihr Grabgeleit überdauern würde. Wo sechs Räder gerumpelt hatten, rauschte irgendwann nur noch der Bach, allein, wie am ersten Tag, ehe die Menschen kamen und ihn arbeiten ließen.
Ich lag am Wall und hörte die Stille kommen, Mühle um Mühle, und ich will nicht sagen, dass es mich traurig machte — Steine werden nicht traurig, wir haben zu viel Zeit dafür. Aber ich vermisste den Klang. Das hölzerne Atmen im Morgengrauen, das Versprechen, dass gemahlen und also gebacken und also gelebt würde. Es war, in all den Jahrhunderten, einer der wenigen Klänge der Menschen, die mir wirklich gefielen — weil er nicht vom Streiten kam, nicht vom Nehmen, nicht vom Rechthaben, sondern einfach vom täglichen, geduldigen Brot.
Heute geht der Wanderer durch das Tal der Mühlen und findet Flieder an alten Mauern und weiß nicht, warum ihm hier so still ums Herz wird. Ich könnte es ihm sagen. Aber ich bin ein Stein, und der Bach rauscht weiter, und das muss genügen.
