Dornholzhausen

Die Raubnacht

Nach dem Raubmord an den Pfarrersleuten Heinicus fliegt die Hälfte zurück an den alten Wall.

Illustration eines einsamen Pfarrhauses in einer Nebelnacht

Es dauerte hundert Jahre, aber schließlich kehrte ich an einen Ort zurück, den ich zu kennen glaubte: ins Pfarrhaus. Ich fand das damals, ich gebe es zu, ausgesprochen komisch. Vor gut hundert Jahren hatte ein Pfarrer mich einen Götzen genannt und mich zerschlagen wollen, und ein anderer Pfarrer war in derselben Stube dafür gestorben. Nun lag ich wieder auf einem Pfarrhausregal — und diesmal hatte man mich nicht als Götzen abgestellt, sondern als Wunder. Nicht als Gottes Wunder. Als das der Natur. Die Menschen hatten in der Zwischenzeit eine neue Art erfunden, staunend an mir vorbeizuschauen, und nannten sie Wissenschaft.

Der Pfarrer hieß Heinicus, und er war das freundlichste Missverständnis, das mir je begegnete. Ein gelehrter Mann, der Käfer in Schächtelchen spießte, Wetter in ein Buch schrieb und Steine sammelte, weil er glaubte, wenn er nur genug von ihnen nebeneinanderlege, würde ihm die Schöpfung ihre Ordnung verraten. Mich stellte er in die Mitte seines Bretts, drehte mich ins Licht, zeigte mich Gästen. „Sehen Sie", sagte er, „außen nichts, innen ein ganzer Himmel. Ist die Natur nicht der größte Prediger?" Er hatte, wie Piskator vor hundert Jahren, in jedem Wort recht und verstand doch nichts. Ich bin kein Himmel. Ich bin ein hohler Stein mit Kristallen darin, entstanden aus Wasser und Geduld, ganz ohne Absicht. Aber ich hatte aufgehört, den Menschen ihre Absichten auszureden. Sie brauchen sie. Es ist der Faden, an dem sie sich durch das Dunkel hangeln, und wer wäre ich, ihn zu kappen — ein Stein.

Frau Heinicus mochte mich weniger. Sie fand, ein Stein aus der Erde gehöre nicht in eine gute Stube, und sie hatte, wie sich zeigen sollte, den klareren Blick von beiden. Nicht für die Natur. Für die Menschen.


Sie kamen in einer Nacht im Spätherbst, als der Nebel so dick im Mühlbachtal lag, dass man die eigenen Hände nicht sah. Drei Männer, vielleicht vier — Landstreicher, Abgedankte, das Treibgut, das ein Jahrhundert der Kriege überall in den Wäldern zurückgelassen hatte. Es gab damals viele davon; sie zogen in Banden über die Höhen, und ein einsam gelegenes Pfarrhaus mit dem Ruf, der Pfarrer sammle Kostbarkeiten, war für solche Leute so gut wie ein ausgehängtes Schild.

Das ist die Sache mit einem Ruf. Ich hatte über Jahrhunderte einen gehabt: Glücksstein, Teufelsding, Wunder. Nun hatte Heinicus, ohne es zu ahnen, mit seinen Vitrinen und seinem gelehrten Stolz einen neuen ausgestellt — hier gibt es etwas zu holen —, und dieser Ruf brachte die Männer den Berg herauf, so sicher, wie Fackelschein einst die Germanen an den Wall gebracht hatte. Die Menschen lernen die Grenze nie. Zeig, was du hast, und du zeigst zugleich, was man dir nehmen kann.

Ich lag auf dem Brett und hörte die Tür nachgeben, die Schritte, die erst leise waren und dann nicht mehr. Ich hörte Heinicus, der mit der Stimme herunterkam, mit der er sonntags von der Barmherzigkeit sprach, und der begriff, dass die Barmherzigkeit an diesem Abend nicht bei ihm zu Gast war. Ich hörte, wie ein gelehrter Mann feststellte, dass all sein Wissen über Käfer und Wetter und Steine ihm in dieser einen Minute nichts nützte. Und ich hörte Frau Heinicus, die nicht bat und nicht betete, sondern ihren Mann bis zuletzt am Ärmel hielt, als könne sie ihn festhalten, wie man einen Stein festhält im Dunkeln.

Ich erspare euch den Rest. Ich bin sehr alt und habe viel Sterben gehört, und ich habe gelernt, dass das Nacherzählen es nicht ehrt, sondern nur wiederholt. Es genügt zu sagen: Am Morgen war das freundliche Missverständnis zu Ende, und mit ihm die Frau, die klarer gesehen hatte als er.

Sie nahmen, was Männer wie sie nehmen. Den kleinen Beutel mit Münzen. Zwei silberne Löffel, ein Zinnkännchen, das Kreuz von der Wand, weil es glänzte. Und mich — denn ich stand in der Mitte des Bretts, wie ein Herr seine Kostbarkeiten aufstellt, und im Fackellicht funkelte meine Bruchseite, als sei ich das Wertvollste im Haus. Eine Hand, jünger und ungeübter als die des Kroaten vor neunzig Jahren, riss mich vom Brett und stopfte mich in einen Sack zu dem Löffel und dem Kreuz, und ich dachte, während sie in die Nacht rannten: Wieder einmal. Immer dasselbe. Sie halten mich für Silber, bis sie mich wiegen.

Sie wogen mich, oben am Waldrand, im Laufen. Einer griff in den Sack, um zu teilen, was man nicht teilen kann, ehe man es verkauft hat, und seine Finger fanden mich — schwer, kalt, kein Metall. Ein Fluch, derselbe Fluch in einer weiteren Sprache, in einem weiteren Jahrhundert. Und dann warf er mich weg, so wie sie mich immer wegwarfen, sobald sie merkten, dass an mir nichts zu verdienen war.

Aber diesmal, und darauf kommt es an, warf er mich nicht in den Schnee vor der Tür. Er schleuderte mich im Rennen von sich, hinaus aus dem Dorf, den Hang hinauf — und ich flog zum dritten Mal in meinem langen Leben durch die Nachtluft und landete klackend genau dort, wo ich vor sechzehnhundert Jahren zum ersten Mal zerbrochen war: an des Teufels Mauer, dem alten Wall, in das nasse Laub, wo kein Fackelschein hinreicht.

Es ist seltsam mit den Orten. Man kann einen Stein werfen, so weit man will — er findet zurück an den Rücken, aus dem er kam. Die Germanen warfen mich über den Limes. Ein Söldner warf mich vor eine Tür. Ein Räuber warf mich in die Freiheit. Und jedes Mal rollte, fiel, glitt ich näher an denselben grasüberwachsenen Buckel, als zöge er an mir wie der Mond am Meer.

Dort blieb ich. Kein Kind fand mich diesmal, kein Schwein, kein Pfarrer. Das Laub deckte mich zu, dann der Schnee, dann wieder das Laub, Jahr um Jahr, und über mir zog die Welt vorbei, ohne sich zu bücken. Ich hörte das Dorf sich verändern, hörte neue Namen, neue Herren, hörte, viel später, Maschinen, die es früher nicht gegeben hatte. Aber niemand kam den alten Wall herauf, und so lag ich im Dunkeln und tat das Einzige, worin ich wirklich Meister bin.

Ich wartete. Zweihundert Jahre, wie sich herausstellte. Man muss die Zeit haben. Ich hatte sie.

Am Zusammenfluss der Flüsse, weit von meinem Laubversteck, lag in denselben Jahren meine andere Hälfte auf Samt statt auf Erde, in einem Kabinett eines Herrn mit Perücke, der sie für einen Edelstein hielt und Gästen zeigte wie Heinicus mich. Wir waren, meine Hälfte und ich, zur selben Zeit dasselbe: missverstandene Wunder auf zwei Regalen, das eine bejubelt, das andere geraubt. Der Unterschied war nur das Licht, das gerade auf uns fiel. So ist das mit den Hälften eines Steins. Und, wenn ich ehrlich bin, mit fast allem.