Koblenz

Der Exil-Hof

Koblenz wird Treffpunkt französischer Emigranten. Die Geode gerät in feinere Hände.

Illustration eines glanzvollen Exil-Hofs in Koblenz

Es gibt eine Art von Glanz, die nur kurz vor dem Ende möglich ist. Ein Kerzenschein, der zu hell brennt, weil das Wachs sich beeilt. Ich habe ihn zweimal gesehen: einmal, ganz kurz, im Exil-Hof zu Koblenz — und einmal später, in Bronze — doch davon zuletzt. Für diese hier stellt euch Perücken vor. Sehr viele Perücken.

Wie ich vom Uferschlamm auf blauen Samt kam, ist schnell erzählt und im Grunde immer dieselbe Geschichte: Jemand fand mich, hielt meine aufgebrochene Seite ins Licht, und weil im Inneren tausend Kristalle funkelten, beschloss er, ich sei kostbar. So bin ich durch die Jahrhunderte gewandert — nicht wegen dessen, was ich bin, sondern wegen dessen, wofür man mich hielt. Ein Sammler schliff mir sogar eine Kante glatt und legte mich unter Glas, mit einem Kärtchen, auf dem in feiner Schrift Bergkristall, Fundort unbekannt stand. Fundort unbekannt. Als hätte ich keinen. Als läge nicht die halbe Wahrheit meiner selbst in einem Bachtal, von dem diese Herren nie gehört hatten und nie hören würden.

Um 1791 lag ich in einer solchen Sammlung in Koblenz, und Koblenz war in jenem Jahr der wunderlichste Ort der Welt: die Hauptstadt eines Frankreichs, das es nur noch in den Köpfen der Geflüchteten gab.

Drüben, jenseits der Grenze, hatten die Franzosen ihren König entthront und waren dabei, eine Welt abzuschaffen. Und wer von dieser Welt etwas hatte retten können — die Grafen, die Marquis, die Brüder des gestürzten Königs selbst —, der floh flussaufwärts und sammelte sich hier, bei einem alten Kurfürsten, der ihr Onkel war und gutmütig genug, ihnen seine Residenz zum Spielen zu überlassen. Sie nannten es Emigration. Sie führten sich auf wie im Urlaub.

Ich habe, das dürft ihr mir glauben, viele törichte Nächte gesehen, seit das Meer ging. Aber selten so viele Menschen, die so entschlossen wegtanzten von dem Feuer, das ihnen bereits die Rockschöße ansengte. Es gab Bälle, an denen der Kummer als Kostüm getragen wurde. Es gab Herren, die ihre Güter in einem Land verspielten, das ihnen nicht mehr gehörte, und Damen, die von der Rückkehr sprachen wie von einer Kutschfahrt, die sich nur leider verspätete. Sie stellten mich in solchen Nächten manchmal aus, als Gesprächsstück — „sehen Sie, ein Wunder der Natur" —, und ich lag unter meinem Glas und dachte: Ihr seid das Wunder. Ich habe noch nie etwas so hell glühen sehen, das schon so tot ist.

Sie warteten auf ein Heer, das alles wiedergutmachen würde. Das Heer kam sogar, im Sommer 1792, marschierte über die Grenze, hoch zu Ross, mit den Emigranten voran, die schon die Schlüssel zu ihren alten Häusern in der Tasche klimpern hörten. Es regnete. Es regnete in Strömen auf einem Acker, den später jeder kennen würde, und das prächtige Heer versank im Schlamm und in der Ruhr und kehrte um, ohne dass es je richtig zur Schlacht gekommen wäre. Der Schlamm, immer wieder der Schlamm. Ich mag ihn inzwischen fast. Er ist der einzige ehrliche Höfling. Er behandelt den König wie den Bettler und den Marquis wie mich.

Was von dem glänzenden Exil blieb, blieb nicht lange. 1794 kamen die Revolutionäre selbst den Fluss herauf, in schlechten Stiefeln und mit sehr klaren Absichten, und die Perücken flohen ein zweites Mal, weiter, überallhin, in ein Jahrhundert der Heimatlosigkeit. In der Eile ließ man vieles zurück. Auch mich. Man rettet, wenn es schnell gehen muss, das Gold und vergisst das Wunder — ihr kennt das inzwischen, es ist auf beiden Seiten meiner selbst dieselbe Regel. Ein Soldat der neuen Ordnung fischte mich aus einer aufgebrochenen Vitrine, hielt mich gegen das Licht, sah kein Metall, keinen Nutzen, keinen König —

und warf mich weg. Natürlich. Es wäre auch zu schön gewesen, wenn ein einziges Jahrhundert die Regel gebrochen hätte.

Ich rollte den Hang hinunter, dorthin, wo ich immer lande: an mein Eck, an den Zusammenfluss, in den geduldigen Schlamm, der schon Rom und die drei Brüder überdauert hatte und auch die schöne, tote Gesellschaft der Perücken überdauern würde. Ich lag da und sah dem Wasser zu, das keinem König gehörte, und wartete auf das nächste Reich, das kommen und mir am selben Fleck erklären würde, es sei das erste seiner Art.

Es kam. Es kam als Bronze, vierundvierzig Meter hoch. Und es fiel schneller als alle vor ihm.