Ich lag zweihundert Jahre im Laub am Wall und hätte nicht viel zu berichten, wenn nicht die Menschen, mit dem ihnen eigenen Talent, sich sogar dann noch zu ändern, wenn niemand hinsah. Ein vergrabener Stein taugt nicht zum Zuschauer. Aber er ist ein hervorragender Zuhörer, und über mir ging, Jahr um Jahr, ein Dorf vorbei und redete. Ich hörte die Karren schwerer werden und dann, eines Tages, gar nicht mehr knarren, sondern rollen, auf glatteren Wegen. Ich hörte ein Wort, das es früher nicht gegeben hatte — Eisenbahn — mit einer Mischung aus Furcht und Verliebtheit ausgesprochen. Und ich hörte, im Sommer des Jahres 1866, dass der Graf gegangen war.
Ich sage „der Graf", weil ich sie immer so genannt habe, all die Herren dieses Fleckens, seit dem ersten, der sich einbildete, ihm gehöre der Wald. In Wahrheit war es zuletzt ein Herzog gewesen, ein Herzog von Nassau, und davor waren es vier Herren zugleich gewesen, und dazwischen so viele, dass ein kluger Bauer, ihr erinnert euch, vorsichtshalber niemandem etwas zahlte und bekümmert schaute, wenn man fragte. Sechshundert Jahre lang war die Frage, wem Durrenholzhusen gehörte, die zuverlässigste Quelle von Ärger und die unzuverlässigste von Schutz gewesen. Und nun, an einem einzigen Sommer, war sie beantwortet. Es hatte einen Krieg gegeben, weit weg, kurz und modern; der Herzog hatte auf die falsche Seite gesetzt, und die richtige Seite hieß Preußen und nahm sich sein ganzes Land, wie man einem Kind ein Spielzeug nimmt, ohne Zorn, nur mit Ordnung.
Der Herzog zog fort und wurde, hörte ich viel später, am Ende seiner Tage anderswo noch einmal etwas Großes — Menschen fallen selten so tief, wie es aussieht, wenn sie Perücken tragen. Aber für den Wald, für den Wall, für das Dorf war er der Letzte seiner Art. Nach ihm kam kein Graf mehr, den man von Angesicht kannte. Nach ihm kam ein König in einer Stadt namens Berlin, die niemand hier je sehen würde, und der König schickte statt Fehden und Zöllen etwas viel Wirksameres: Beamte.
Einer davon kam an meinen Wall.
Es war ein junger Mann mit einer Mütze, einem Stativ und einem Kasten voll blanker Instrumente, und er tat etwas, das an dieser Stelle in siebzehnhundert Jahren niemand getan hatte: Er maß sie. Er stellte sein Gerät auf den grasüberwachsenen Buckel, den die Leute hier seit Menschengedenken des Teufels Mauer nannten, blickte hindurch, schrieb Zahlen in ein Buch und murmelte dabei vor sich hin, wie gelehrte Menschen es tun, wenn sie glauben, allein zu sein. Ich lag eine Handbreit unter seinem Stiefel und hörte jedes Wort.
„Kein Bachlauf", murmelte er. „Keine Gemarkung. Zu gerade für die Natur, zu alt für die Herzöge." Er ging den Buckel ab, kilometerweit, kam zurück, schlug ein anderes Buch auf — eines mit Bildern —, und dann sagte er das Wort, auf das der Wall siebzehnhundert Jahre gewartet hatte, ohne es zu wissen.
„Römisch", sagte er. „Das ist der Limes."
Ich hätte, wenn ein Stein das könnte, in diesem Moment gelacht und geweint zugleich. Siebzehnhundert Jahre lang hatten die Menschen diesen Wall dem Teufel zugeschrieben, weil er zu gerade war für ihren Verstand — Cunz hatte es geglaubt, Trine hatte darin Schutz gesucht, ganze Geschlechter hatten hier ihre Kinder gewarnt. Und nun kam ein Junge mit einer Mütze und einem Buch und nahm dem Teufel in einem einzigen Nachmittag seine Mauer weg, und gab sie den müden jungen Männern aus Pannonien zurück, denen sie immer gehört hatte. Er hatte recht. Er hatte vollkommen recht. Und mit der Wahrheit verschwand der Teufel, und mit dem Teufel ein Stück des Schauers, mit dem die Menschen bis dahin an diesen Ort getreten waren. So geht Fortschritt, habe ich in jener Stunde gelernt: Er gewinnt eine Tatsache und verliert ein Geheimnis, und rechnet sich das als Gewinn.
Was er nicht maß, war ich. Was er nicht wusste, war, dass unter seinem Stativ die halbe Antwort auf seine eigene Frage lag — ein Stück milchiger Quarz, geworfen von einem Germanen, zerbrochen an genau diesem Wall, in genau der Nacht, in der Rom hier zum ersten Mal begriff, dass es an eine Grenze gekommen war, die es nicht überschreiten konnte. Er katalogisierte den Wall. Er benannte das Reich. Und er stand die ganze Zeit auf dem einzigen Zeugen, der wirklich dabei gewesen war, und merkte nichts. Das ist die neue Zeit in einem Bild: Sie vermisst alles und übersieht das, was ihr unter den Füßen liegt.
In der Dämmerung, als er seine Instrumente zusammenpackte, blieb er einmal stehen und sah zum dunklen Waldrand hinüber, wo die Bäume schwarz wurden. Etwas stand dort, zu ruhig für einen Menschen. Der junge Beamte kniff die Augen zusammen, sagte sich, es sei ein Reh oder ein Strauch oder die Müdigkeit, notierte nichts dergleichen in sein Buch — man notiert keine Schauer in ein preußisches Katasterbuch — und ging. Die Presence sah ihm nach. Sie hatte Legionen gehen sehen, Grafen, Herzöge, den Teufel, dem man gerade seine Mauer genommen hatte. Ein Beamter mit Stativ war nicht der Rede wert.
Ich blieb liegen. Über mir hatte der Wall endlich seinen wahren Namen zurück, und das Dorf hatte endlich einen Herrn, der zählte statt zu fehden, und die Welt wurde ordentlicher, heller, schneller und um ein Geheimnis ärmer. Bald würden sie Drähte durch das Tal spannen und Wörter hindurchschicken, schneller als jeder Bote. Bald würde ein Berg bei Bad Ems endlich das Silber hergeben, an dem Rom vorbeigegraben hatte — und ich würde, aus meinem Laub, hören, was es die Menschen kostete, es ihm zu entreißen.
Aber das ist die nächste Folge. Sie handelt vom Silber. Und davon, dass die Berge selten schenken, was sie hergeben.
