Dornholzhausen

Was der Berg hergibt

Die Gruben bei Bad Ems treiben ihre Stollen tief in den Berg. Das gesuchte Silber liegt anderswo.

Illustration eines Bergmanns in einer Grube des 19. Jahrhunderts

Ich habe euch, ganz am Anfang, von der liebsten Ironie meines langen Lebens erzählt: dass die Römer nach Silber gruben und es um eine Armlänge verfehlten, Nacht für Nacht, so dicht dran, dass es fast unhöflich war. Siebzehnhundert Jahre lang war das meine beste Geschichte, mein zuverlässigstes Vergnügen. In diesem Kapitel geht sie zu Ende, und ich muss euch warnen: Sie endet nicht so, wie eine Ironie enden sollte. Sie endet nicht mit einem Lachen. Sie endet mit einem Husten.

Denn die Enkel der Enkel jener Römer — nicht dem Blut nach, aber dem Ort nach, was am Ende dasselbe ist — hatten endlich herausgefunden, wo das Silber lag. Und das Blei, und das Zink, das sie inzwischen ebenso gut gebrauchen konnten. Bei Bad Ems, drüben überm Berg, wo Rom sein Hüttenwerk gehabt hatte, gruben sie nun wieder, aber diesmal nicht mit ein paar müden Auxiliaren und der falschen Ahnung. Diesmal mit sechzehnhundert Mann, mit Dampfmaschinen, mit Stollen, die tiefer in den Berg reichten, als je ein Römer sich in seinen kühnsten Alpträumen hinuntergewagt hätte. Neunhundert Meter. Stellt euch das vor — neunhundert Meter unter dem Tageslicht, unter allem, was atmet. Sie hatten den Berg besiegt. So nannten sie es, in ihren Zeitungen, in ihren Festreden. Der Mensch bezwingt die Natur. Ich lag in meinem Laub am Wall und dachte: Ihr besiegt nichts. Ihr grabt euch nur endlich tief genug, um die Rechnung zu bekommen, die er die ganze Zeit schon geschrieben hat.

Und das Bitterste daran — das Salz in der Wunde, das nur ich kannte und ein paar alte Leute im Dorf: Sie hätten gar nicht bis Ems laufen müssen. Unter Dornholzhausen selbst, drüben im Mühlbachtal am Desselbach, hatte man schon dreihundert Jahre zuvor Silber gefunden. 1583 stand dort eine Grube im Fels, und die vier Herren des Einrich — Hessen und die Nassauer Grafen, einträchtig nur, wenn es um Erz ging — beschlossen eine Schmelzhütte. „Guter Geselle" nannten sie die Grube, mit dem Galgenhumor der Bergleute, und ihr Erz hielt Blei und einen Hauch Silber im Zentner. Zwei Stollen trieben sie in den Berg, und die Alten schworen, der eine ziehe sich bis unter die Kirche. Denkt euch das: Sie beteten sonntags über einem Silberstollen und wussten es kaum. Das Dorf saß auf dem Silber, an dem Rom vorbeigegraben war — und schickte seine Söhne trotzdem neun Meilen weit und neunhundert Meter tief in einen fremden Berg, weil das eigene längst nicht mehr lohnte für die Herren, die es zu heben verstanden. So ist es mit dem, worauf die Menschen sitzen: Sie merken es zuletzt.

Einer, der die Rechnung bezahlte, hieß Jakob und war aus dem Dorf.

Ich kannte ihn, wie ich sie alle kannte — vom Wall her. Die jungen Leute kamen noch immer hierher, an den Buckel, den der Beamte vor Jahren zum Limes erklärt hatte und den sie trotzdem, aus alter Gewohnheit und weil es besser klang, den Teufelswall nannten. Ein Beamter kann einer Sache einen Namen geben; ihn den Leuten in den Mund zu legen, das kann er nicht. Hierher kam Jakob mit einem Mädchen namens Käthe, und ich, eine Handbreit unter dem Gras, hörte ihnen zu, wie ich Cunz zugehört hatte und Trine und all den anderen, die an diesem Wall geredet hatten, als sei er ein Ohr — was er, in gewisser Weise, ja war.

„Zwei Jahre", sagte Jakob zu ihr. „Zwei Jahre in der Grube, dann hab ich beisammen, was ein Haus kostet. Und dann komm ich hoch und bleib oben." Und dann komm ich hoch und bleib oben. Ich habe viele Versprechen an diesem Wall gehört. Es war eines der schöneren, und ich wusste, während er es sprach, dass der Berg es anders gelesen hatte.

Er stieg hinunter. Jeden Morgen, im Dunkeln, den langen Weg über die Höhen nach Ems, und dann noch einmal hinunter, in den Berg, tiefer, als ein Mensch gehen sollte, wo die Luft heiß wird und dick und nach nassem Stein schmeckt, und wo das, was den Römern verborgen geblieben war, nun in Loren nach oben fuhr, Tonne um Tonne, glänzend, wertvoll, endlich gefunden. Sie fanden das Silber. Sie fanden mehr, als selbst der Erzsucher aus Gallien geträumt hatte. Und ich will euch sagen, wohin es ging, dieses Silber, auf das ein Reich einst so gierig gewesen war: Es ging nicht zu Jakob. Es ging in die Waggons, und die Waggons gingen zu Herren, die den Berg nie von innen sahen, die in Städten wohnten und die Grube nur als Zahl kannten, als Spalte in einem Buch, ordentlich wie das Katasterbuch des jungen Beamten. Der Berg gab das Silber her. Aber er schenkte es nicht den Menschen, die es ihm entrissen. Er ließ es ihnen durch die Hände laufen, in fremde Taschen, und behielt für sie selbst nur das eine, was er wirklich zu vergeben hatte: den Staub.

Jakob kam nach zwei Jahren nicht hoch und blieb oben. Er kam nach vier, weil ein Haus teurer war als ein Versprechen, und dann nach sechs, weil man, wenn man einmal unten war, schwer wieder loskam von dem Geld, das nie ganz reichte. Er heiratete seine Käthe, sie bauten ihr kleines Haus, es stand am Rand des Dorfes, und es war ein gutes Leben, so gut, wie ein Leben eben ist, dem der Berg jeden Tag ein wenig Atem abnimmt. Denn das war die Rechnung, die er die ganze Zeit geschrieben hatte, in Staub, tief unten, wo niemand sie las: Jakob hustete. Erst im Winter, dann im Herbst, dann immer. Der Staub, den das Silber kostete, saß in ihm und wurde nicht weniger, und er war kein alter Mann, als er anfing, auf dem Weg zum Wall stehen zu bleiben, um Luft zu holen.

Einmal, spät, kam er allein herauf, setzte sich auf den Buckel, genau über mich, und hustete lange in die Abendstille. Dann sagte er, zu niemandem, vielleicht zum Wall, vielleicht zu dem, was am Waldrand manchmal zu ruhig stand: „Es war doch nur Silber." Und ich, unter ihm im Laub, das halbe Herz eines Steins, das schon Rom an diesem Silber hatte scheitern sehen, hätte ihm gern geantwortet. Ich hätte gesagt: Ja, Jakob. Es war nur Silber. Es war immer nur Silber. Rom ist daran vorbeigegangen und hat ein Reich verloren, ihr seid hineingegangen und habt euren Atem verloren, und der Berg steht noch, wie er stand, als das Meer ging. Das Einzige, was ein Berg euch je wirklich gibt, ist die Gewissheit, dass er bleibt, wenn ihr gegangen seid.

Aber ich bin ein Stein. Ich lag still und hörte ihn atmen, schwer, und dann aufstehen und langsam heimgehen, zu Käthe, zu dem kleinen Haus, zu den Kindern, die sie hatten, und deren Kinder und Kindeskinder eines Tages, das ahnte ich damals schon, an diesem selben Wall nach Schätzen graben würden, wie es die Kinder hier seit jeher tun.

Der Berg gab sein Silber her. Und behielt, wie er alles behält, den Rest.