Koblenz

Der Sturz

Am Deutschen Eck wird ein Kaiser errichtet und wieder gestürzt. Der Stein erlebt beides aus der Nähe.

Illustration des zerstörten Kaiser-Wilhelm-Denkmals am Deutschen Eck

Das letzte Reich, das an meinem Eck ankam, war das lauteste. Es kam nicht mit einer Palisade, nicht mit einem Federmesser, nicht mit Perücken. Es kam mit einer nationalen Sammelaktion, mit Fahnen und Festreden und einem Standbild aus Kupfer, das so groß war, dass man den Reiter darauf noch aus dem Nachbartal sah.

Sie hatten wieder ein Kaiserreich gebaut, die Menschen, ihr drittes an dieser Stelle, wenn ich mitzähle, und wie jedes zuvor berief es sich auf das erste, das schon ein Fort gewesen war, das verrottete. Nun war ein Wilhelm gestorben, der erste seines Namens in diesem neuen Reich, und sein Enkel — es sind immer die Enkel, die aus den Toten Denkmäler machen, die Söhne haben noch zu viel Wirklichkeit im Kopf — beschloss, dem Großvater das größte Standbild zu setzen, das das Land je gesehen hatte. Und wo? An meinem Eck. An der Landzunge zwischen den zwei Flüssen, wo Rom sein Kastell hingesetzt hatte und drei Brüder ein Erbe zerschnitten und Perücken sich zu Tode getanzt hatten. Die Menschen haben ein untrügliches Gespür für die Orte, an denen schon andere sicher waren, ewig zu sein. Sie stellen sich genau dorthin. Es rührt mich fast.

Ich lag im Schlamm, als sie die Fundamente gruben — tief, gewaltig, für die Ewigkeit, versteht sich —, und diesmal fand mich kein Maurer, keine Hand hob mich ins Licht. Sie schütteten Beton über mich, tonnenweise, und bauten darüber ihren vierundvierzig Meter hohen Reiter. Am 31. August 1897 weihten sie ihn ein, im Beisein des Enkels, mit Musik, die bis zu mir hinunterdrang wie ein fernes Gewitter. Ich lag unter dem Sockel, unter dem Pferd, unter dem Reich, und dachte — ihr ahnt es — meinen einen alten Gedanken: Ihr baut auf einem Stein, der euch alle überleben wird, und ihr wisst es nicht einmal.

Sie hielten ihn für ewig. Sie hielten sie alle für ewig, und dieser Reiter, hoch über dem Wasser, war das steinerne Ausrufezeichen hinter diesem Glauben.

Er hielt achtundvierzig Jahre.

Ich hörte das zwanzigste Jahrhundert über mir vergehen, so wie ich alle Jahrhunderte gehört habe: erst Feste, dann Fahnen, dann Schritte im Gleichtakt, dann — zum zweiten Mal in einem Menschenleben — Krieg. Ich spürte ihn durch den Beton, durch den Fels, durch das Wasser. Diesmal fiel er nicht auf Dörfer allein. Diesmal fiel er auf die Stadt selbst, Nacht um Nacht, bis von den alten Gassen fast nichts mehr stand. Und am 16. Tag des März 1945 traf eine Granate von der anderen Seite des Rheins den großen Reiter am Eck und riss ihn vom Sockel.

Das Kupfer, in das sie so viel Stolz gegossen hatten, fiel in Fetzen an den Fuß des Denkmals, in genau den Schutt, unter dem ich lag. Der Kopf des Kaisers, hörte ich später, kam gesondert zu Boden und wurde fortgeschafft und in ein Museum gelegt, wie man einen Zahn aufhebt, der ausgefallen ist. Der Sockel blieb leer. Ein Reich hatte wieder einmal seinen Reiter verloren, an meinem Eck, am selben Wasser, das weiterfloss, als sei nichts gewesen — denn aus Sicht des Wassers war auch nichts gewesen.

Ich hätte an dieser Stelle für immer liegen bleiben können, unter dem geborstenen Beton, ein Splitter Bachtal unter einem Splitter Kaiserreich. Es wäre ein passendes Ende gewesen. Aber die Steine haben, wie ihr wisst, ihre eigene Art, nach Hause zu finden.

Denn in jenen Tagen, als der Krieg endlich müde wurde — nicht weil jemand gewann, sondern weil nichts mehr zu zerstören blieb, ihr kennt die Melodie, meine Hälfte hat sie euch schon vorgesungen —, zog ein Mann durch die zertrümmerte Stadt am Zusammenfluss. Ein Heimkehrer, mager, grau, in einem Mantel, der nicht mehr seiner war, auf dem langen Weg zurück in die Höhen des Einrich, in ein Dorf, dessen Namen die großen Karten nie führten. Er ging über das Deutsche Eck, wo der leere Sockel in den grauen Himmel ragte, und er blieb stehen, wie man stehen bleibt, wenn etwas so groß Gewesenes so still zu Ende ist.

Zu seinen Füßen, im Schutt, zwischen Kupferfetzen und geborstenem Stein, funkelte etwas. Klein, hell, unpassend heiter in all dem Grau. Er bückte sich — die Menschen bücken sich noch immer für das, was nur schön ist, selbst wenn sie alles verloren haben; es ist ihre liebenswerteste Eigenschaft, ich habe es euch gesagt und ich sage es zum letzten Mal — und hob mich aus dem Schutt des gefallenen Reiches.

Er wog mich in der Hand. Kein Silber. Kein Metall. Ein hohler Stein mit einem Himmel darin und keinem Marktwert.

Er warf mich nicht weg.

Er drehte mich ins fahle Licht, sah die Kristalle, sah die alte, saubere Bruchkante, wo ich vor achtzehnhundert Jahren an einem Wall in zwei Teile gegangen war — und aus Gründen, die er selbst nicht hätte nennen können, schob er mich in die Manteltasche, dorthin, wo bei einem Heimkehrer das Wenige liegt, das er noch heimzubringen hat. Und ging weiter. Nach Osten. In die Höhen. Nach Hause.

Ich hatte zweitausend Jahre am Wasser gewartet, ohne zu wissen worauf. Jetzt wusste ich es. Es hatte eine Manteltasche und einen Weg unter den Füßen, und es führte, zum ersten Mal seit jener Nacht am Turm, in dieselbe Richtung wie meine andere Hälfte.

Heimwärts.