Dornholzhausen

Die Rodung

Während Durrenholzhusen entsteht, gräbt ein Schwein die im Boden wartende Hälfte wieder aus.

Illustration einer mittelalterlichen Rodung im Taunus

Elfhundertfünfzig Jahre sind eine lange Zeit für einen Menschen und ein Nachmittag für mich. Ich verbrachte sie im Bach, halb im Schlamm, die offene Seite nach unten, die Kristalle im Dunkeln — was fast komisch ist, wenn man bedenkt, welchen Aufwand ich beim ersten Mal betrieben hatte, um ans Licht zu kommen. So ist das mit großen Auftritten. Danach räumt niemand die Bühne.

Über mir änderte sich die Welt in der üblichen Reihenfolge: erst der Lärm, dann die Stille. Rom zog seine Grenze ein, so wie man abends die Wäsche hereinholt, und ließ die Palisade dem Wald. Die lilia verrotteten. Der Wall sackte in sich zusammen zu einem langen, grasüberwachsenen Buckel, der sich schnurgerade durch den Forst zog und keinem Bach, keinem Hang, keiner Vernunft folgte — und weil Menschen etwas, das sie nicht verstehen, gern dem Teufel zuschreiben, nannten sie ihn bald des Teufels Mauer. Der Teufel, hätte ich ihnen sagen können, hatte damit nichts zu tun. Es waren nur sehr müde junge Männer aus Pannonien mit Schaufeln. Aber ich bin ein Stein, und den Menschen ist eine gute Geschichte lieber als eine wahre. Das ehrt sie fast.


Im Jahr, das die Mönche 1260 schrieben, kamen sie zurück, um Bäume zu fällen.

Nicht die Römer — die waren längst zu Sagen geworden. Diese hier gehörten dem Grafen, wer immer es in diesem Landstrich gerade war; der Einrich wechselte den Herrn so oft, dass ein kluger Bauer seine Abgaben vorsichtshalber niemandem zahlte und auf Nachfrage bekümmert schaute. Sie kamen mit Äxten und Ochsen und dem festen Vorsatz, aus einem Stück zähem Taunuswald ein Dorf zu machen. Sie rodeten den Hang, schlugen das Holz, brachen die Wurzeln — und weil der Mensch benennt, was er besitzt, nannten sie den Ort nach dem, was ihnen an ihm zuerst auffiel: Durrenholzhusen. Nicht, wie man später gern erzählte, „die Häuser beim dürren Holz" — sondern dürr im älteren, härteren Sinn: *wasserarm*. Die Häuser im trockenen, kargen Land, wo die Brunnen im Hochsommer versiegen und man dem Himmel jeden Regen abbettelt. Man baut eine Heimat für die Ewigkeit und benennt sie nach dem, woran es fehlt. Ich mag die Menschen wirklich.

Und weil ich Zeit habe und sie nicht, verrate ich euch gleich, was aus diesem sperrigen Durrenholzhusen wird. Siebenhundert Jahre Alltagssprache schleifen es glatt wie einen Kiesel im Mühlbach. Das „Durren-" fällt fort — wer im einzigen Holzhausen weit und breit wohnt, muss sich nicht unterscheiden —, und der Rest wird im Mund weich, bis nur noch Hollesse übrig bleibt. Derselbe Kern, rundgewetzt, das „Holzhausen" darin noch zu ahnen wie das Weiß in meiner Kruste. Ich verstehe etwas davon, rundgewetzt zu werden. Wir zwei, der Name und ich, kommen aus demselben Bach.

Ans Licht holte mich, ich sage es ungern, ein Schwein.

Es gehörte einem Hirten namens Cunz, der die Ehre gehabt hätte, weniger Ahnung von der Welt zu haben als der arme Tossius, wäre er nicht so vollkommen zufrieden damit gewesen. Cunz besaß drei Dinge: eine durchlöcherte Gugel, ein unerschütterliches Gemüt und eine Sau von der Größe eines kleinen Ochsen, die er, aus Gründen, die er selbst nicht mehr wusste, Gräfin rief. Während die Männer weiter oben fluchten und fällten, wühlte die Gräfin am Fuß des alten Teufelswalls im weichen Bachgrund nach Eicheln, Wurzeln und allem, was ein Schwein für lohnend hält — und stieß mit dem Rüssel gegen mich.

Über den Limes geworfen zu werden, hatte, bei allem Respekt, eine gewisse Größe. Von einer Sau namens Gräfin ausgegraben zu werden, hat das nicht. Aber es ist ehrlich, und nach elfhundert Jahren im Schlamm nimmt man, was kommt.

Cunz sah das Schwein an etwas kauen, das nicht nachgab, fluchte, watete hin, langte in den Matsch — und hielt eine Faust voll Dreck ins graue Novemberlicht. Er wischte sie am Wams ab. Und da war es: die Bruchseite nach oben, tausend Kristalle, weiß und funkelnd selbst unter diesem lahmen Himmel, ein Stück Höhle, ein Stück gefrorenes Sternenlicht in einem gewöhnlichen Klumpen Stein.

Cunz, der noch nie in seinem Leben etwas besessen hatte, das schöner war als er selbst, setzte sich in den Matsch und starrte mich an, bis ihm kalt wurde.

Dann tat er das, was Menschen mit Wundern tun: Er bekam es mit der Angst. Ein Stein, hohl und voll Licht, gefunden am Teufelswall — das roch nach Hexerei, nach dem Bösen, nach Ärger, den ein Schweinehirt sich nicht leisten kann. Er hätte mich fast wieder in den Bach geworfen. Aber die Gräfin schnaufte ihn an, so vorwurfsvoll, wie nur ein Schwein schnauben kann, das findet, es habe die eigentliche Arbeit getan — und Cunz, der auf das Urteil seiner Sau mehr gab als auf das des Pfaffen, steckte mich stattdessen in den Beutel.

Er zeigte mich niemandem. Nicht dem Priester, der die neue Kapelle weihen sollte und Dinge aus der Erde grundsätzlich für verdächtig hielt. Nicht den anderen, die schnell entschieden hätten, wem so ein Fund zusteht (dem Grafen, wer immer es gerade war). Cunz behielt mich für sich, wickelte mich in einen Lappen und legte mich in eine Nische seiner Kate, hinter den Herdstein, wo ich im Feuerschein manchmal aufblitzte wie ein Auge, das sich öffnet. Er redete mit mir. Über das Wetter, die Gräfin, ein Mädchen, das ihn nicht wollte. Ich hörte zu. Zuhören kann ich besser als jeder Mensch; ich übe seit dem Meer.

Einmal, in einer klaren Winternacht, ging er hinaus zum Teufelswall — warum, hätte er nicht sagen können; die Menschen gehen manchmal einfach dorthin, wo etwas an ihnen zieht. Der Schnee lag blau im Mondlicht auf dem alten Buckel, und für einen Herzschlag stand am Waldrand, wo die Bäume schwarz wurden, etwas in Gestalt eines Mannes, das zu ruhig war für einen. Es sah ihn an. Cunz sah zurück, ohne zu erschrecken, weil er zu einfältig war, um zu wissen, dass man sich fürchten sollte — und das, ehrlich, ist manchmal die klügste Antwort, die ein Mensch geben kann. Dann war es fort. Cunz ging heim, legte sich zur Gräfin in den warmen Stall und schlief den Schlaf der wahrhaft Sorglosen.

Er wurde alt in Durrenholzhusen. Er heiratete am Ende doch, nicht das Mädchen, das ihn nicht wollte, sondern eine Witwe, die ihn nahm, wie man einen zutraulichen Hund nimmt. Mich vergaß er nie ganz, aber er brauchte mich mit den Jahren seltener; das Glück, das die Menschen in Steinen suchen, hatte er sich längst selbst gebaut, aus Herd und Frau und einer allzu großen Sau. Als er starb, blieb ich hinter dem Herdstein, und das Dorf wuchs über uns beide hinweg, Kate um Kate, Name um Name, ein Jahrhundert nach dem anderen, so gründlich, dass niemand mehr wusste, dass hinter einem alten Stein ein Stück Himmel lag.

Meine andere Hälfte war da schon lange fort. Ich spürte sie nicht mehr — nur die Leerstelle, wie man eine Zahnlücke mit der Zunge sucht. Sie war mit Tossius über den Fluss gegangen, in ein Reich, das es nicht mehr gab. Wohin es sie von dort trug, sollte ich erst erfahren, als wir am Ende wieder eins wurden — ein Stück ihres Weges habt ihr eben schon gehört. Ein Stein hat viel Zeit zum Vermissen. Man gewöhnt sich nicht daran. Man wird nur besser darin, es auszuhalten.

Sie zu suchen ist nicht meine Art zu erzählen — ich liege, wo man mich hinlegt, und warte. Und Zeit hatte ich genug. Es dauerte noch dreihundert Jahre, bis die Menschen im Tal etwas fanden, das ich längst gekannt und niemandem hatte sagen können: das Silber unter der Wurzel. Aber davon das nächste Mal.