Ich hatte den Menschen fünfzehn Jahrhunderte lang nachgesehen, wie sie an meinem Silber vorbeigingen. Die Römer gruben daneben, ich habe es euch erzählt, es ist meine liebste Geschichte. Danach kam lange niemand mehr, der überhaupt wusste, dass unter dem Mühlbachtal etwas anderes schlief als Wurzeln und Wasser. Die Menschen hatten anderes zu tun: roden, beten, sterben, sich streiten, wer der Herr sei. Das Silber lag da, wo es immer gelegen hatte, am Desselbach, geduldiger noch als ich.
Und dann, in einem nassen Frühjahr, das die Mönche 1583 schrieben, kam einer mit einer Kratze und einem guten Auge und begriff, was der Bach ihm zeigte.
Ich war zu dieser Zeit im Dorf, der Herrgottsstein, gehütet von Händen, die längst nicht mehr wussten, warum. Aber ein Stein spürt seinesgleichen, auch über einen Hügel hinweg, so wie ihr in einem vollen Raum spürt, wenn jemand euren Namen sagt. Ich spürte, wie sie den Fels aufbrachen, dort, wo mein Weiß aus der Erde tritt und darunter das Blei und das bisschen Silber liegt — und zum ersten Mal, seit ein Germane mich über eine Palisade warf, kamen Menschen dem nahe, was ich die ganze Zeit gewusst und niemandem hatte sagen können.
Sie fanden eine Ader. Nicht die fette, von der ein Statthalter träumt — eine schmale, blasse, ehrliche Ader: einundvierzig Pfund Blei und anderthalb Loth Silber im Zentner. Für die Menschen war das ein Vermögen und eine Mühsal zugleich. Sie tauften die Grube, wie Bergleute ihre Löcher taufen, mit dem Galgenhumor derer, die täglich unter die Erde steigen und nicht sicher sind, ob sie wieder heraufkommen: Guter Geselle. Als wäre der Berg ein Kumpel, dem man auf die Schulter klopft. Der Berg fand das, nehme ich an, so komisch wie ich.
Und weil Silber die einzige Sprache ist, die alle Herren fließend sprechen, geschah 1585 das Wunderlichste: Die vier Herren des Einrich — der Landgraf zu Hessen und die drei Nassauer Grafen, die sich sonst um jeden Grenzstein, jeden Zehnten, jede Kanzel zankten — setzten sich in Marburg an einen Tisch und wurden sich einig. Über eine Schmelzhütte mit Schmelz- und Treibofen. Vierhundert Jahre lang hatten sie sich dieses Dorf geteilt und dabei über alles gestritten, was sich teilen lässt; jetzt, für ein bisschen graues Metall, reichten sie einander die Hand. Ich lag im Dorf und dachte, was ich immer denke, wenn Menschen einträchtig werden: Es geht ums Geld. Sonst würdet ihr euch ja weiter hassen.
Zwei Stollen trieben sie in den Berg. Und hier wird es schön, auf jene stille Art, die nur ich schön finde: Der eine Stollen, schworen später die Alten, zog sich bis unter die Kirche. Denkt es euch aus. Sonntags standen sie oben, sangen, beteten, ließen sich sagen, der Himmel sei über ihnen — und keine zwanzig Klafter unter ihren Knien kroch ein Mann durch die Dunkelheit und hämmerte das Silber aus dem Fels, das ihnen weit näher war als jeder Himmel. Oben der Herrgott, unten das Erz, und dazwischen eine Handbreit Stein und der feste Glaube der Menschen, das eine habe mit dem anderen nichts zu tun.
Es hielt nicht lange, wie es das nie lange hält. Die Ader war dünn, das Loth Silber teuer erkauft, und sobald es sich nicht mehr lohnte, entzweiten sich die vier Herren wieder, so verlässlich, wie sie sich vorher geeinigt hatten. Die Öfen erkalteten. Die Stollen soffen ab und fielen zusammen, und der Wald zog seine grüne Hand darüber, wie er sie über alles zieht. Noch in eurer Zeit, hörte ich, sackte der Boden über den alten Gängen manchmal ein, ein paar Meter tief, als hole der Berg leise Atem.
Sie hatten mein Silber berührt. Nach anderthalbtausend Jahren hatten sie es endlich berührt — und es hatte ihnen kaum mehr gebracht als den Römern, die daneben gruben: ein wenig Metall, viel Mühe, und am Ende wieder Streit. Ich hätte es ihnen vorher sagen können. Der Berg gibt nichts umsonst her, und was er hergibt, ist nie so viel wert wie das, was es kostet, es ihm abzuringen.
Die wirklich große Ader, die, von der der Erzsucher einst geträumt hatte — die kam erst dreihundert Jahre später ans Licht, drüben bei Ems, und sie machte auch dort niemanden reich außer den Herren in den fernen Städten. Aber das ist eine andere Geschichte, und ihr kennt sie schon. Sie handelt von einem Mann namens Jakob und von einem Husten.
Ich blieb im Dorf, der Herrgottsstein, und schwieg über das Silber, wie ich über alles schweige. Es ist nicht meine Art, den Menschen zu sagen, worauf sie sitzen. Sie kämen ja doch nur, um es zu holen — und würden sich dann darüber zerstreiten, wem es gehört.
